Kultur : Osteuropäische Metropolen: Städtebau wie einst beim Klassenfeind

Ulf Meyer

Vom Zweiten Weltkrieg zerstört, vom Sozialismus verhunzt und seit 1989 mit drittklassigen Investorenklötzen übersät. So präsentieren sich nach Ansicht von Kritikern die meisten Städte Ostdeutschlands und -europas. Das "Institut für Regionalplanung und Strukturentwicklung" in Erkner hat deshalb die dortige Stadtentwicklung zum Thema ihrer Frühjahrstagung gemacht. Der Tagungsort nahe der EU-Ostgrenze fordert dies geradezu heraus. Fachleute aus Polen, Ungarn und Tschechien kamen dabei mit ebenso unterschiedlichen Einschätzungen zu Wort wie ihre deutschen Kollegen. Robert Rudolph (Leipzig) etwa stellte für die postsowjetischen Innenstädte fest, dass die teuren Wohn- und Einzelhandelslagen der "neuen Russen" St. Petersburgs bevorzugt in den prä-revolutionären Gebieten der Altstadt entstehen. Diese "Rückkehr zu vorsozialistischen Mustern" sei typisch für die GUS-Staaten. Internationalen Büromieter tragen dazu bei, dass der Wohnanteil in den Innenstädten sinkt. Die Einkaufszentren sprießen entlang der Metrolinien und großen stalinistischen Prospekte. Moskau gilt zwar als Spitze des Eisberges in der Transformation zur global city, ist durch seine Ausnahmestellung - wie schon zu Zeiten des Sozialismus - als Vorbild aber begrenzt. Von den in der Mitte ausgehöhlten "Donut-Cities" der USA sind die post-sozialistischen russischen Städte dennoch meilenweit entfernt. Anders als in Russland haben sich die Städte der emsigen mitteleuropäischen Staaten bereits Wohlstandsgürtel angelegt. Der explodierende tertiäre Sektor und der "Städtebau der Banken" führen zu verstärkter Segregation. Die Dezentralisierung ökonomischer und politischer Macht überforderte den aufkeimenden privaten Immobilienmarkt zunächst, denn über große Bürohäuser verfügten nur die Behörden. Auch nach zehn Jahren ist der Hausbestand überwiegend in öffentlicher Hand. Denn die Wohnungen wurden zumeist an ihre Bewohner "verschenkt", was zu unklaren Besitzverhältnissen führte. Wo früher die politisch Privilegierten wohnten, leben heute die "monetär Privilegierten".

Vera Denzer (Leipzig) und Susanne Heydenreich aus (Frankfurt) haben "citynahe Quartiere ostdeutscher Großstädte" am Beispiel des Graphischen Viertels in Leipzig untersucht. Dort stehen zahlreiche lieblose Büro- und Wohnparks, Geschäfts- und Ärztehäuser leer, die zumeist von westdeutschen Immobilienfonds initiiert wurden. Trotz seit 1996 sinkender Mieten dauert die "Umwandlung zur Medienstadt Leipzig" bis heute an. Die in Amerika als untrügliche Zeichen der Gentrification geltenden "Starbucks"-Filialen sind dort jedoch nich nicht zu sehen. Als "nachholend" wollten die Referentinnendiese Entwicklung dennoch nicht verstanden wissen. Dafür sind die Bedingungen der "staatlich gestützten Fehlspekulation in Ostdeutschland" zu speziell.

Die ökonomischen, sozialen und ökologischen Konsequenzen der Suburbanisierung in Prag hat Ludek Sykora von der Karlsuniversität untersucht. Anders als in der DDR sind dort die Shopping-Malls und Logistikstandorte zu 100 Prozent auslandsfinanziert. Diese kommerzielle Suburbia verschärft die sozialen Kontraste der Stadt: Während es den armen Kommunen an Geld zur Asphaltierung mangelt, rollen die nouveau riche auf Privatstraßen zum örtlichen Hypermarket. Während die Neubauprojekte auf der Grünen Wiese steuerlich begünstigt werden, fehlen zur Umnutzung von Industriebrachen die Anreize. Stand in der ersten Hälfte der Neunziger die Innenstadt-Kommerzialisierung im Vordergrund, explodieren in der zweiten die Stadtrandflächen. Die für die Suburbs benötigte Infrastruktur ist freilich nicht für alle bezahlbar.

Dennoch gelten Deutschland, speziell die neuen Bundesländer als Vorreiter des Sprawls und nicht etwa der Ökosteuer oder "nachhaltigen Entwicklung". Anna Zinserling (Warschau) und Jörg Dörrschmidt (Erkner) demonstrierten die Unterschiede anhand der deutsch-polnischen Grenzstadt Guben und illustrierten die unterschiedliche Bedeutung von Leerstand und Abwanderung beiderseits der EU-Grenze.

Ivan Tosics (Budapest) untersuchte die Effekte der neuen Wohnungspolitik. Seine Heimatstadt hat sich rigoros gegen Restitution und für Verkauf der Wohnungen an die Mieter entschieden. Dabei ist sie in die Privatisierungsfalle getappt: Den neuen Besitzer fehlt das Geld zur Modernisierung. In Mitteleuropas Metropolen wurden zwar Millionen arbeits-, doch nicht obdachlos. Die örtlichen Verwaltungen wurden zwar mächtig, die Abwanderung in den Speckgürtel konnten aber auch sie nicht aufhalten. Die Tagung lieferte die überfällige Öffnung der deutschen Städtebau-Debatte gen Osten. Schließlich sind viele Probleme übertragbar: Zwischen Berlin und Wladiwostok leben über 170 Millionen Menschen in Plattenbauten.

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