Kultur : Ostler in Ostende Volker Brauns „Was wollt ihr denn“: Uraufführung

in Senftenberg

Hartmut Krug

Manne aus dem Osten residiert in Ostende in einer Strandburg. Zurückgelassen in Guben hat er Familie, Rechnungen und Probleme. „Ich kann mir keine Familie leisten, ohne Volkseigentum.“ Manne ist Dauercamper mit Meerblick. Eines Morgens versperrt ein Container die freie Sicht aufs Meer. Der Container ist allerdings nur Utensil eines Baulandbetruges. Braun meint seine Titelfrage „Was wollt ihr denn“ grundsätzlich: Was wollen wir mit einer globalisierten Welt voller Unbehauster? Die alte Klarheit – hier Kapitalismus, dort Sozialismus – ist verloren: „Wir haben keinen Feind. Darum können wir nicht gewinnen.“

Zunächst der „Zeitgeist“: Der regieführende Intendant Sewan Latchinian hat diese Braunsche Personifizierung in Form von Videofilmen ins Foyer verbannt. Da bieten die Schauspieler als Medienprominente wie Sabine Christiansen, Sloterdijk und Reich-Ranicki einen Schwall von Worthülsen an. Braun: „Die logische Fabrik des Wirklichen hat Bankrott gemacht. Wir kosten die Unterschiede, und sie mischen sich zu einem Brei auf dem Bildschirm.“

Das neue Theaterstück von Volker Braun ist weniger dramatisches Spiel als philosophisch-analytisches Konstrukt, das komprimiert, knochentrocken und verschachtelt daherkommt – wobei Braun vor Klischees nicht zurückschreckt. Da gibt es den Geschäftsmann, der sich einen Flüchtling als lebende Blutkonserve kauft. Doch als dessen Schwester Houria zur Hure gemacht wird, öffnet er sich die Adern. Mit dem verströmten Blut hat er seine Geschäftsleistung erbracht und seine Schwester freigekauft. Regisseur Latchinians Inszenierung bleibt zwischen Gedankendrama und Groteske stecken. Das Publikum sitzt auf der Bühne, während das Geschehen zwischen fernem Rang und nahem Bühnenrand abläuft. Die Szenen werden komisch ausgestellt, doch trotz aller inszenatorischen Bewegungsversuche verheddert sich das Stück in den Schlingen seiner metaphorischen Bedeutungshubereien bis zur Leblosigkeit.

In Senftenberg rettet man sich in komisch verfremdete Demonstrationsfiguren. Am Ende übernimmt Manne den Text des Zeitgeistes aus der „Bild-Zeitung“ und spricht mit Bush vom Krieg gegen den Feind. Den Schlusspunkt setzen Latchinian und Braun mit dem Textstück, das sich „Theaterhölle“ nennt: Die tödlichen Realitäten des Traumstrands von Bali und der Geiselnahme im Moskauer Musicaltheater lassen für das Theater nur den Traum, es könne die Wirklichkeit unmöglich machen.

Volker Braun hat einst in der Schwarzen Pumpe und im Tagebau Burghammer gearbeitet. „Was wollt ihr denn“ ist eigentlich ein Auftragswerk für das Berliner Ensemble, das man dort aber nicht spielen wollte. Eine Uraufführung von Rolf Hochhuth in Brandenburg, von Peter Hacks jüngst in Erlangen, von Volker Braun in Senftenberg: Die großen Dramatiker von damals sind in der Provinz angekommen.

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