Kultur : Ostrocker

Torsten Hampel

Die Buchstaben sind klein. Keine großen dabei, an den Satzanfängen nicht und auch nicht da, wo die Hauptwörter anfangen. Es dauert ein paar Seiten, bis man sich daran gewöhnt hat, dass da nichts auf und ab tanzt, dass die Augen auf einer wie mit dem Lineal gezogenen Linie durch die Worte wandern. Und dann ist man in Nashville oder in einem Dorf bei Leipzig. Da ist einer hingefahren, auf der Suche nach einem Rockmusiker, dem er früher einmal begegnet ist, einem Klischeeostler, von Friedensdemo hat der geredet, Polizeigefängnis. Er will Liedtexte vorbeibringen. Er findet eine zerschlagene Wohnung, aber jenen Mann nicht, dafür finden die Dörfler ihn, es kommt zu einer kleinen Handgreiflichkeit und zu einer kleinen Entführung, dann reist der Eindringling wieder ab. Eine kleine Geschichte, eine von sieben.

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Josef Haslinger, bekannt geworden mit dem Roman „Opernball“, bildet sie ab, lässt seinen Ich-Erzähler durch die Welt fahren und beschreiben, was er sieht. Der schaut genau hin, aber oft sieht er nicht viel. Eine Tchibo-Filiale ist bei ihm eine Tschibo-Filiale, der Stiel eines Bierglases ein Stil. Wer – oder wessen Lektor – so etwas hineinschreibt in ein Buch oder stehen lässt darin, der ärgert seine Leser. Und macht sie misstrauisch: Es kann nicht so viel dran sein am Beschriebenen, wenn’s da schon nicht hinhaut.

Und das, was nicht erzählt wird, dass zum Beispiel dem Rockmusiker irgendetwas zugestoßen sein muss in der Zwischenzeit, ist dermaßen sonnenklar, dass auch daraus nichts wird. Nichts Dunkles, nichts Helles, nichts Großes. In der Geschichte über Amerika erledigt Haslingers Held auch noch den Rest: „zugegeben, das sind nur abbildungen“, steht da. „sie denken, das abgebildete muss es wirklich geben. sonst gäbe es keine abbildungen.“ Einmal aber bildet Haslinger etwas ab, was es wirklich gab, etwas Verbürgtes. Und auch noch so, wie es wirklich war. Es handelt sich um eine Abkürzung. „ddr“ schreibt er. Ganz klein. Im Grunde muss man sagen: Buchstaben erzählen eine Menge.

Josef Haslinger: Zugvögel. Erzählungen. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main. 204 Seiten, 18,90 €.

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