Kultur : Ostseeträume

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SCHREIBWAREN

Steffen Richter wirft auch

einen Blick über die Oder

Meist ist es schlecht, keinen Urlaub zu haben. Man kann nicht verreisen. Man könnte sich freilich an den französischen Offizier Xavier de Maistre halten. Der hatte während eines sechswöchigen Hausarrests die wunderbare „Reise um mein Zimmer“ unternommen. Doch statt nur um den eigenen Kopf zu kreisen, sei ein Trip um die Literaturhäuser und -salons empfohlen. Immerhin, der Ausflug beginnt in Patagonien, führt nach Wien, nach Polen, ins Land der Sorben und endet schließlich in Sangerhausen im Harz.

Goldsucher, Schafzüchter und Glücksritter aller Couleur waren es, die am Anfang des 20. Jahrhunderts die indianischen Ureinwohner von Feuerland vertrieben. Den Indios, so tönte es, mangle es an Gottesfurcht, sie seien dumm und arbeitsscheu. Den Opfern dieser Spielart des Kolonialismus hat der Argentinier Eduardo Belgrano Rawson ein Denkmal gesetzt. „In Feuerland“ (C.H. Beck) erzählt ihre Geschichte anhand des exemplarischen Schicksals von Camilena Kippa und ihrer Familie. Der Autor liest heute im Instituto Cervantes (19 Uhr 30).

Aus Lateinamerika geht es mit einem gewaltigen Sprung in die Praterhauptallee nach Wien. Dort joggt Jessica Somner, um überflüssige Pfunde loszuwerden. Nebenbei monologisiert sie gnadenlos vor sich her. Issi hält sich für „sozialfrigid“. Sie träumt, „in sich abgeschlossen gut zu funktionieren“. Ihr Bewusstsein befindet sich auf der Höhe des neoliberalen Zeitgeistes – und wehrt sich gegen seine Zumutungen: „Ich möchte nicht, eigentlich möchte ich nicht, eigentlich möchte ich gar nicht“ – ach, Bartleby! Heute (20 Uhr) stellt Marlene Streeruwitz im LCB ihren neuen Roman „Jessica, 30“ (S. Fischer) vor. Damit dürfte auch die Feuilletondebatte um die Dreißigjährigen endlich einmal ernsthaftes literarisches Unterfutter erhalten.

Eine andere österreichische Generation ist mit Friedericke Mayröcker am 23.4. im Literaturhaus zu Gast (20 Uhr). Die Grande Dame der experimentellen Lyrik liest neue Gedichte. Und zwei Schauspieler rezitieren Mayröckers „Requiem für Ernst Jandl“ (Suhrkamp), die beeindruckende Totenklage um ihren langjährigen Lebens- und Arbeitspartner.

Nun folgt ein Abstecher ins EU-Beitrittsgebiet jenseits der Oder. Gernot Wolfram , gerühmt für seine Erzählungen „Fremdländer“, präsentiert seinen ersten Roman „Die Reise nach Polen“. Und zwar bereits am 22.4. (20 Uhr 30) in Britta Gansebohms Z-Salon (Bergstraße 2, Mitte). Zwischen den roten Vorhängen des intimen kleinen Kinoclubsaals, umrankt von den obligaten Gansebohm’schen Lilien und Rosen wird er sich lesend auf die Reise begeben. Wo sie Autor und Publikum im Einzelnen hinführen wird, ist dabei ungewiss. Das Werk befindet sich noch in Arbeit.

Zurück über die Oder kommen wir in die Lausitz. Kerstin Mlynkec erzählt von einer rabenschwarzen Kindheit an der Ostsee, der Szene im Prenzlauer Berg und der Sehnsucht, „auf den Wogen der Ungewissheit“ die Welt zu umsegeln. Als ein Fluchtversuch in den Westen scheitert, besinnt sich ihre Protagonistin auf ihre sorbischen Wurzeln und erkundet, wie es um die Wirklichkeit des sorbischen Lebens bestellt ist – zwischen staatlich verordnetem Minderheitenschutz und realer Diskriminierung. Mlynkecs „Drachentochter“ (Rowohlt Berlin) gibt es am 24.4. (21 Uhr) im Roten Salon der Volksbühne zu hören.

Wer am nächsten Vormittag, dem 25.4., wieder fit ist, sollte sich die Matinee im Deutschen Theater nicht entgehen lassen (11 Uhr). Nina Hoss und Jörg Gudzuhn lesen aus einem einzigartigen Dokument der künstlerischen Selbsterschaffung (und Selbststilisierung): „Tagebuch 53-63 Sangerhausen“ (Suhrkamp) von Einar Schleef . Als Schleef vor drei Jahren starb, schrieb Elfriede Jelinek: „Bitte lesen Sie seine Bücher! Das muss sein!“ Zuhören lohnt auf jeden Fall.

Manchmal ist es also gar nicht so schlecht, keinen Urlaub zu haben. Arme Touristen, die sich während einer solchen Woche an den Stränden des Mittelmeers langweilen! Na ja.

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