Kultur : Ostwestlich

Die Galerie Alexander Ochs ist umgezogen – und macht am neuen Ort vieles anders

Ulrike Münter

China gilt als das Land der kurzen Halbwertszeiten, doch es gibt auch Kontinuitäten: Seit 1997 pendelt Alexander Ochs im Namen der asiatischen Gegenwartskunst zwischen Ost und West. Zeugte es allerdings noch Ende der neunziger Jahre von Pioniergeist, sich auf die Kunst der Nach-Mao-Ära zu spezialisieren, so ist die Herausforderung heute eine andere: die enorme, geradezu hysterische Nachfrage übersteigt das Angebot.

Nach dem Umzug der Galerie Alexander Ochs in ebenerdige Räume reagiert nun die dreiteilige Ausstellung „Die wahren Orte“ auf diese veränderte Situation und kontrastiert die Arbeiten sechs chinesischer Künstler mit denen des Berliners Timo Nasseri und Micha Ullmans aus Israel. „Als wir begannen, gab es für chinesische Künstler so gut wie keine Ausstellungsmöglichkeiten im eigenen Land“, sagt Ochs. „Unser Ziel war es, dieser Kunst internationale Relevanz zu verschaffen. Das ist erreicht. Jetzt internationalisieren wird unser Programm, freilich weiter mit Chinafokus.“

Was sieht der Besucher der Ausstellung „Die wahren Orte“ – und was nicht? Eine Geste wider das Vergessen vollführt die Pekinger Künstlerin Yin Xiuzhen, indem sie ein ehemaliges chinesisches Sammeltaxi in zwei Hälften teilt und durch einen textilen Körper streckt. Doch erst durch die dazugehörende Geschichte entfaltet die Arbeit ihre ganze Bedeutung. Bis vor ein paar Jahren gehörte das günstige Transportmittel zum Straßenbild chinesischer Metropolen. Die leichte Bauweise und die daraus resultierende Schutzlosigkeit der Insassen bei Verkehrsunfällen macht Yin Xiuzhen augenscheinlich, indem sie das raupenartige Mittelstück mit zusammengenähten Billigtextilien bezieht. Wie viel ist ein Menschenleben in China wert? Man bedenke nur die unwürdigen Arbeitsbedingungen in den Textilfabriken. Unter dem Titel „Collective Unconscious“ und zu den einlullenden Klängen einer chinesischen Hymne auf die Stadt Peking wird das aus dem Verkehr gezogene Vehikel zur materialisierten Unmutsbekundung.

Zehn Jahre lebte der Künstler Wang Shugang in Deutschland. Zurück in Peking, resümiert er seine Erfahrung: „Ich habe gelernt, was es heißt, einsam zu sein.“ Seine Lichtinstallation „Apartment Block Life: Squatters“ zeigt hockende Figuren, die sich wie Dominosteine so anordnen, dass jede rückwärts in die Arme der nächsten fallen würde. Wang Shugang bringt mit höchst reduzierter Formensprache einen Widerspruch der chinesischen Gesellschaft auf den Punkt: Ihr Preis der Geborgenheit besteht im Uniformitätsdruck des Kollektivs.

Bis Juli werden zwei weitere Ausstellungen die Frage nach solchen „wahren Orten“ stellen, die für Identität sorgen und dennoch nicht kartografierbar sind. Einige Arbeiten der Eröffnungsschau werden bleiben, andere ersetzt. Was sofort ins Auge sticht, ist die Strenge des schlauchförmigen Ausstellungsraums und sein gleißendes Weiß. Im Rückblick auf die typisch chinesische Farbgebung der früheren Galerie kommt da schon eine gewisse Wehmut auf. Flexible Wände glitten auf Schienen über Naturholzdielen. Damals standen der Galerist und eine Feng-Shui-Beraterin am Reißbrett, diesmal war es der Documenta-Star Ai Weiwei. Sicher, in der chinesischen Tradition bergen ‚das Fade‘ und ‚die Leere‘ das größte Potenzial von Weisheit, Schönheit und Geschmack. Doch was ist mit der Gefahr der Schneeblindheit angesichts mangelnder Kontraste?

Alexander Ochs Galleries, Sophienstr. 21; bis 12.4., Di.–Fr. 10–18, Sa. 11–18 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben