Kultur : Oswald Mathias Ungers Ausstellung in Düsseldorf feiert ein besonderes Richtfest

Ulrich Deuter

"Artibus" verkündet ein verstümmelter Schriftzug an der Fassade des Kunstpalastes Düsseldorf, dem schöngeistigen (und einzig gebliebenen) Gebäudepart der "Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung" von 1902. Nachdem der schon lange marode Bau am Rhein saniert ist und das neue "museum kunst palast" vor zwei Tagen Richtfest feierte, wird die Widmung wohl anders ergänzt werden müssen: "Artibus ad gloriam" - "Mittels Kunst zum Ruhm". Denn der neue Museumskomplex, der das bestehende Kunstmuseum mit dem neuen Kunstpalast verbinden und durch einen großen Veranstaltungssaal ergänzen wird, ist das gemeinsame Kind einer Public-Private-Partnership, wie sie in dieser Größenordnung in Deutschland bisher nicht zusammen fand.

Zu der Zweckpartie hat sich die Landeshauptstadt mit der VEBA vereint. Die Kommune hatte die Schönheit des Museums sowie ein Grundstück zu bieten, die Firma - das Geld. La belle et la bête. Denn Attraktivität, also ein Image, besitzt der 1929 als Vereinigte Elektrizitäts- und Bergwerks-AG gegründete Mischkonzern nicht, er mischt Energie und Chemie und macht dabei einem Umsatz von über 80 Milliarden Mark. Demnächst wird die VEBA mit der VIAG fusionieren, einem ähnlich dicken blassen Unternehmen. So viel Geld ruft nach Geist. Verlässlichen sozialen Aufstieg verspricht in diesem Zusammenhang eine Stiftung. Sie wurde 1998 gegründet und kostet die VEBA zunächst zehn Millionen Mark. Außerdem kaufte man das unmittelbar an das Museumsgelände grenzende Grundstück an, von dem Reinerlös (19,5 Millionen Mark) plus einem Landeszuschuss finanziert die Stadt den Kunstpalast-Neubau. Die Sanierung der denkmalgeschützten Fassade sowie den Abriss des Gebäudekerns wiederum zahlt der Konzern, der nun auf dem erworbenen Areal seine Zentrale errichtet.

Schon schwärmt der Vorstandsvorsitzende Ulrich Hartmann angesichts des architektonischen Beilagers, das Museumsräume im VEBA-Haus vorsieht, vom "geistigen Austausch" zwischen Museum und Hauptverwaltung, von der "Integration" seiner "hochqualifizierten und kulturinteressierten Mannschaft" in den Museumsbetrieb. Der frisch bestallte Generaldirektor des "museum kunst palast", der Straßburger Jean-Hubert Martin, darf sich also auf Rat und Tat seitens der VEBA-Fachleute freuen. Jährlich zwei VEBA-Millionen Unterhalt sind eine schöne Summe Kompetenz.

Dem "museum kunst palast" sitzt fortan also die Hauptverwaltung der VEBA im Nacken. Zwar lässt Martin - einer der international renommiertesten Ausstellungsmacher, der unter anderem für die Biennalen in Sao Paulo und Sydney sowie für große Schauen im Centre Pompidou verantwortlich zeichnete - sich vom Stiftungskuratorium (Vorsitz: Düsseldorfs Oberbürgermeister Joachim Erwin sowie der VEBA-Chef) qua Satzung nicht ins Geschäft reden. Zwar sind private Stiftungen angesichts der leeren Staats- und vollen Privatkassen heilsam für die Öffentlichkeit, ein liberaleres Stiftungsrecht steht endlich kurz vor der Verabschiedung. Public-Private-Partnership aber verschiebt die Wertsphären. Öffentlichen Kunstbetrieb und Politik eint die gleiche Verpflichtung zur Allgemeinheit. Die Wirtschaft hingegen hegt Partikularinteressen. So erwartet Hartmann nun offen eine "Wertsteigerung" für sein Unternehmen. Gewiss segensreich wird die Befreiung aus der Kameralistik sein. Doch wird ein Museum, das mit einem Mischkonzern vermischt ist, von den Bürgern der Stadt genauso emphatisch als das ihre begriffen werden wie ein städtisches?

Der Rohbau des "museum kunst palast" wie der VEBA-Verwaltung ist vollendet, beides war Oswald Mathias Ungers übertragen worden. Der emeritierte Architekturprofessor (der unter anderem die Hamburger Museumsinsel baute) hat dem Mitte der 20er Jahre von Wilhelm Kreis errichteten Kunstpalast "Ehrenhof" im Rücken ein dreifach halbkreisförmiges Gebäude angefügt. Es überragt das im sachlich heroischen Stil prangende Ehrenhof-Ensemble um Einiges, sein Kern ist ein halber Zylinder mit schrägem Dach, den äußeren Ring bildet ein fünfgeschossiger, strenger Stein-Glas-, den inneren ein lichter Glas-Bau, der Kunst sowie Konzernprodukte präsentieren soll.

Der Kunstpalast-Neubau hinter der originalen Fassage bietet 10 000 Quadratmeter Ausstellungsfläche in vier großen Sälen, von denen zwei Oberlicht besitzen. Im September nächsten Jahres wird das "museum kunst palast" eröffnet werden. Es wird die Sammlung des Kunstmuseums sowie die Ausstellungsfunktion der bisherigen Kunsthalle am Grabbeplatz vereinen. Martin, ein Kenner nicht-westlicher Kunst, möchte als erstes "Altäre der Welt" errichten, Kultstätten aller Religionen im Gebrauch. Die, an Museumsort und Stelle geweiht, Kunst und Religion vereinen sollen. Immerhin verspricht sich Martin von der Schau "ein großes Echo" - also Kassenwirksamkeit. Und sein Kulturdezernent denkt bereits darüber nach, die Rheinoper in eine Aktiengesellschaft umzubauen. Infinionfieber am Rhein.

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