Otto der Große : Der Reisekaiser

Tausend Jahre Macht und Pracht: Magdeburg zeigt die Ausstellung „Otto der Große und das Römische Reich“

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Der gelenkte Gaul: Ein bronzenen Pferdekopf aus der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christi, der wahrscheinlich zu einem kaiserlichen Triumphgespann gehörte.
Der gelenkte Gaul: Ein bronzenen Pferdekopf aus der ersten Hälfte des ersten Jahrhunderts nach Christi, der wahrscheinlich zu...Foto: Römisches Museum Augsburg

Die Vorstellung, dass es einzelne herausragende Menschen – in der Regel: Männer – seien, die Geschichte machen, wirkt heutzutage beinahe lächerlich. „Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein? Cäsar schlug die Gallier. Hatte er nicht wenigstens einen Koch bei sich?“, spottete schon Brecht. Unter den deutschen Herrschern, denen das dekonstruktionswütige 21. Jahrhundert das Prädikat „der Große“ noch nicht aberkannt hat, findet sich neben dem Frankenkaiser Karl allenfalls noch der preußische Schlesieneroberer, Querflötenspieler und Menschenschinder Friedrich II., aber auch er wohl mehr aus Gewohnheit denn aus Begeisterung. Ruhm verblasst schnell, vermeintliche historische Größe kann nur ein, zwei Generationen später auf Normalmaß schrumpfen. Das späte 19. Jahrhundert schwelgte im Geniekult, doch bereits damals befand der Historiker Jacob Burckhardt: „Die wirkliche Größe ist ein Mysterium. Das Prädikat wird weit mehr nach einem dunklen Gefühle als nach eigentlichen Urteilen aus Akten erteilt oder versagt.“

Aber Otto? Welcher Deutsche verbindet mit diesem sächsischen Herzog aus dem Geschlecht der Liudolfinger, der vor 1100 Jahren geboren und vor 1050 zum Kaiser gekrönt wurde, noch irgendwelche Gefühle, und seien es dunkle? Ist es nicht eher die dunkle Erinnerung an lang zurückliegende Geschichtsstunden? Zweifellos war Otto ein bedeutender Mann. Als Kriegsherr triumphierte er im Jahr 955 in der Schlacht auf dem Lechfeld über die Ungarn und machte damit den ständigen Einfällen von fremden Reiterheeren auf deutschem Boden ein Ende. Er und seine Nachfolger, die Ottonen, bauten Mitteldeutschland zu einer der reichsten Kulturlandschaften des Mittelalters aus, wovon heute noch die Dome, Klöster und Kaiserpfalze zwischen Halberstadt und Merseburg zeugen. Vor allem aber begründete er eine Tradition, die bis zur Auflösung des Heiligen Römischen Reiches 1806 reichte. Nur noch Könige des ostfränkischen Reiches wurden nach ihm zu Kaisern gekrönt. Mit Otto beginnt gewissermaßen die Geschichte der deutschen Nation.

Doch selbst der Biograf Matthias Becher („Otto der Große. Kaiser und Reich“, C.H. Beck, München 2012, 332 S., 24,95 €) konstatiert, dass die Leistungen des Kaisers nach seinem Tod in der historischen Erinnerung allmählich verblassten. Erst das 19. Jahrhundert habe ihn auf der Suche nach einer Symbolgestalt der nationalen Einheit wiederentdeckt. Groß ist Otto aber zweifellos als Werbefigur. „Otto der Große hat Zugkraft“, versichert ein Schriftzug auf dem Regionalexpress, der Berlin mit Magdeburg verbindet. Seine Attraktivität hat der Herrscher bereits mit zwei Ausstellungen bewiesen, die sich 2001 und 2006 seiner Person und den Folgen der Ottonenherrschaft widmeten und große Publikumserfolge wurden.

Das Zeug zum Blockbuster hat auch der letzte Teil der Ausstellungstrilogie, auch wenn das Kulturhistorische Museum in Magdeburg mit dem Titel „Otto der Große und das Römische Reich“ Etikettenschwindel betreibt. Denn Otto taucht dort erst ganz am Ende auf, es geht um die Vorgeschichte seiner Machtausübung, um nicht weniger als tausend Jahre – so der präzisere Untertitel – „Kaisertum von der Antike zum Mittelalter“. Ideen- und Verfassungsgeschichte kann eine trockene Angelegenheit sein, doch Museumsdirektor Matthias Puhle und der Kuratorin Gabriele Köster gelingt es glänzend, die Vorstellungswelt einer längst versunkenen Vergangenheit zum Sprechen zu bringen und Traditionslinien aufzuzeigen, die bis in die Gegenwart reichen.

Zu verdanken haben sie das der Pracht von rund 350 Exponaten, die als Leihgaben aus 17 Ländern den Weg nach Magdeburg fanden. Die in fünf Abteilungen gegliederte Ausstellung beginnt mit den Anfängen des Kaisertums in der römischen Antike unter Augustus. Cäsars Großneffe mit dem Geburtsnamen Octavian kannte den Begriff des Kaisers noch nicht, ließ sich aber vom Senat den Ehrennamen Augustus („der Erhabene“) verleihen, einen Titel, auf den noch Otto in der Umschrift seines Kaisersiegels zurückgreifen sollte: „OTTO IMP(erator) AVG(ustus)“. Im Auftaktraum wird der Besucher gleich von vier Augustus-Büsten in Marmor und Bronze begrüßt, im Nebenraum verweisen die „Victoria von Fossombrone“, eine erstaunlich modern anmutende römische Siegesgöttin aus dem zweiten Jahrhundert nach Christi, und ein Opferaltar auf seine militärischen wie religiösen Tugenden.

Immer wieder verdichten sich die Thesen der Historiker in einzelnen Ausstellungsstücken. Auf geradezu atemberaubende Weise berichten die Insignien des Maxentius, die einzig überlieferten kaiserlichen Herrschaftszeichen der Antike, vom Untergang des alten heidnischen Rom. Nachdem Konstantin der Große 312 „im Zeichen Gottes“ Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke geschlagen und getötet hatte, muss sie ein Gefolgsmann des Verlierers in Seide eingeschlagen auf dem Palatin in Rom versteckt haben. Dort wurden sie erst 2005 zusammen mit einigen halb verrosteten Spitzen von Paradelanzen ausgegraben. Die Form der Insignien – Kugeln aus Chalcedon-Kristall und vergoldetem Glas – nahm die mittelalterlichen Kleinodien Reichsapfel und Zepter vorweg. Seit Konstantins Sieg sollten – Kapitel 2 der Ausstellung – Kaisertum und Christentum miteinander verbunden bleiben.

Allerdings zerfiel das nun gottbegnadete Kaiserreich im Jahr 395 in zwei Teile, und während es im oströmischen Byzanz bis zur Eroberung Konstantinopels durch die Türken 1453 zu äußerster Prachtentfaltung – Teil 3 der Ausstellung – kam, ging das weströmische Reich im Ansturm der Barbaren aus dem Norden unter. Die Exponate belegen das ambivalente Verhältnis der völkerwandernden Germanen zur römischen Tradition. Sie verarbeiteten kaiserliche Münzen in „barbarisierten“ Schmuckstücken zu Armreifen, Ketten und Medaillons, griffen aber zugleich mit der Beglaubigung von Dokumenten durch Siegel auf eine römische Herrschaftspraxis zurück.

Als sich Karl der Große am Weihnachtstag des Jahres 800 im Petersdom von Papst Leo III. zum Kaiser krönen ließ, war das nur scheinbar eine Wiederbelebung, tatsächlich aber – so die Überschrift des vierten Ausstellungskapitels – „die Aneignung des römischen Kaisertums“. Denn in Konstantinopel gab es ja noch einen Ostkaiser, der niemals den Anspruch auf das ganze Reich aufgegeben hatte. Karl versuchte ihn zu beschwichtigen, indem er sich statt „Kaiser der Römer“ nur „Lenker des Römischen Reiches“ nannte, doch ein diplomatischer Austausch begann erst 812. Dass die Kaiser nach antiker Größe strebten, zeigen die Fragmente des Sarkophags von Karls Sohn Ludwig dem Frommen. Er ließ sich 840 in einem Marmorsarg aus dem 5. Jahrhunderts beisetzen. Antiken-Recycling bis in den Tod.

Und Otto? Er sah sich selbstbewusst als Erneuerer des Römischen Reiches, machte Magdeburg zum Erzbistum und baute es zu seiner Residenz aus. Aber eine mit Rom vergleichbare Metropole besaß er nicht, um die Herrschaft über sein sich bis nach Norditalien erstreckendes Reich zu behaupten, war er zu unentwegten Reisen gezwungen. Ein ambulanter Regierungsstil, für den ein silberner Faltstuhl steht, auf dem einst ein höherer Beamter gesessen haben muss. Er war 1950 bei Pavia aus einem Fluss gezogen worden und wirkt wie der Vorläufer eines heutigen Campingmöbels.

Kulturhistorisches Museum Magdeburg, 27.8. bis 9. 12., Katalog 24,90 €.

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