Kultur : Otto Dix: Der Schonungslose

Klaus Hammer

"Auf den Arsch setzen und malen, und wenn der Kaiser kommt": Diese Maxime hatte der junge Arbeitersohn Otto Dix während seiner Lehre als Dekorationsmaler in Gera gelernt. Mit seinem ehemaligen Zeichenlehrer Ernst Schunke machte er Ausflüge in die Umgebung; dabei entstanden erste Aquarelle und Landschaftsgemälde im spätimpressionistischen Stil. 1910, nach abgeschlossener Lehre, ging der Achtzehnjährige mit einem kleinen Stipendium des Fürsten Reuss nach Dresden und schrieb sich an der Königlichen Kunstgewerbeschule ein.

Das Geraer Jugendwerk (1903-1910) und das Dresdner Frühwerk (1910-1914) ist bisher gar nicht oder nur beiläufig zur Kenntnis genommen worden. Die Kunstgeschichte hat sich erst mit dem Dix beschäftigt, der während des Ersten Weltkrieges expressionistische und futuristische Ausdrucksmittel zu apokalyptischen Formgleichnissen seiner Fronterlebnisse synthetisierte. Die Kunstsammlungen Gera und die Städtische Galerie Albstadt, die selbst zwei bedeutende Dix-Kollektionen besitzen, haben nun die künstlerischen Ursprünge des "vordixschen" Dix erschlossen. Gezeigt werden Pflanzen- und Tierstudien, Ornament- und Dekorationsentwürfe, Stillleben, Landschaften und Porträts aus dem Geraer Jugendwerk.

Die anschließende Dresdner Ausbildungszeit ist zunächst von akademischen Zeichenübungen geprägt. Doch aus dem Unterricht gehen um 1912 meisterhafte Pflanzen-Gouachen hervor. Über mythologische und religiöse Figurenkompositionen gelangt Dix zu Aktstudien von raffinierter Tabulosigkeit. Seine "Dirne" (1913) hat er als Maria in der Mandorla, mit dem Strahlenkranz als Vulva, gezeichnet: eine expressionistische Antwort auf Cranachs unnahbare Venusfiguren und zugleich eine Verhöhnung der modischen Aktfiguren Kirchners.

Dix übernimmt die Rolle des historischen Epigonen und probt andererseits den Traditionsbruch. Er erarbeitet und überwindet in einem Zug den Dresdner Spätimpressionismus, folgt für zwei Jahre van Gogh und vollzieht in seinen Selbstporträts den Jugendstil nach. In dieser stilpluralistischen Phase eignet er sich alles an, was ihm Dresden an unterschiedlichen bildnerischen Erfahrungen bieten kann. In der Gemäldegalerie studiert er die altdeutschen und italienischen Meister des 15. und 16. Jahrhunderts. Zugleich liest er Nietzsche. Die erste umfassende Expressionisten-Schau und die Van-Gogh-Ausstellung der Galerie Arnold hinterlassen deutliche Spuren, so etwa in "Elbe mit Blick auf die Loschwitzberge" (1912) und "Nacht in der Stadt" (1913). Etwas später setzt er sich mit dem italienischen Futurismus und dem apokalyptischen Expressionismus Ludwig Meidners auseinander.

All das findet in Selbstbildnissen mit kritisch prüfendem Blick und in Freundesporträts zwischen 1912 und 1915 seinen Ausdruck. Hier prägt sich der für das Dixsche Lebenswerk charakteristische Synkretismus aus, die immense gestalterische Wandlungsfähigkeit und metaphorische Vieldeutigkeit.

Der Erste Weltkrieg zerbrach die Stilformen und führte zu einer Radikalisierung der Bildinhalte. Doch als Dix 1919 nach Dresden zurückkehrte, konnte er an ein für ihn immer noch gültiges Vorkriegsrepertoire anknüpfen.

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