Otto Dix in Friedrichshafen : Die Gier des Augenmenschen

„Alles muss ich sehen“: Das Zeppelinmuseum in Friedrichshafen am Bodensee zeigt endlich den ganzen Otto Dix. Zu entdecken ist ein Maler, der viele Stile parallel anwandte.

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Winter am Bodensee. Otto Dix malte seine schwäbische Wahlheimat 1952 als Aquarell.
Winter am Bodensee. Otto Dix malte seine schwäbische Wahlheimat 1952 als Aquarell.Foto: Zeppelin Museum, VG Bildkunst, Bonn 2016

Zwanzig Jahre lebte Otto Dix bereits in der Idylle am Bodensee, als er seinem Malerfreund Ernst Bursche in die alte Heimat schrieb: „Es war doch eine schöne Zeit, wo ich in Dresden war, man bekam Modelle, so viel man wollte und hatte Anregungen. Es ist doch eine Saugegend hier.“ Das war 1953, und doch blieb Dix bis zu seinem Tod 1969 im Badischen. Die Anregungen holte er sich weiterhin bei seinen Besuchen in Dresden, wo er neben Hemmenhofen eine zweite Familie besaß, mit zweiter Frau und zweiter Tochter. Alle wussten voneinander, einfach dürfte das nicht gewesen sein – abgesehen von den Grenzwanderungen zwischen Ost und West, die Dix als prominenter Künstler selbst nach dem Mauerbau noch fortsetzen durfte.

Vom Nebeneinander handelt auch die Ausstellung im Zeppelinmuseum in Friedrichshafen, wo sich heute mit 400 Arbeiten ein bedeutender Bestand an Dix-Bildern befindet. Nachdem das städtische Museum ausgebombt war – die alliierten Flieger landeten Treffer nicht nur an den Standorten der benachbarten Rüstungsindustrie –, musste nach 1945 auch in der Kunst wiederaufgebaut werden.

Inzwischen besitzt das Museum neben einer großen Abteilung zur Luftschifffahrt eine beachtliche Kollektion mit mittelalterlicher Tafelmalerei und barocker Skulptur. Um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen und an die Moderne wieder anzuknüpfen, besann man sich der Künstler, die sich während des Nationalsozialismus im Süden Deutschlands zurückgezogen hatten und als Verfemte in die innere Emigration gegangen waren. Dazu gehörten die abstrakten Maler Willi Baumeister und Max Ackermann.

Der 125. Geburtstag von Dix ist Anlass, die Bestände vorzuführen

Vor allem lag die Kontaktaufnahme mit Otto Dix als einem der bekanntesten Maler der Weimarer Republik nahe, der wenn auch missmutig weiterhin sein Domizil nur eine halbe Stunde entfernt besaß. „Herr Dix ist nun nicht irgendein Künstler, sondern in der deutschen Malerei der Gegenwart immer noch eine der großen, führenden Persönlichkeiten“, musste dem Stadtamtmann 1952 allerdings erst noch beigebracht werden. Am Ende kam der Kauf von vier Landschaftsbildern aus dem gleichen Jahr doch noch zustande. Die Motive stammen alle aus der „Saugegend“. Weitere sollten folgen.

Der 125. Geburtstag des Malers ist nun Anlass, die eigenen Bestände vorzuführen, die mittlerweile alle Phasen seines Schaffens abdecken. Einen unbekannten Dix wird man dabei kaum entdecken, aber einen, der sich nicht länger säuberlich in die Kategorien expressionistisch, dadaistisch, neusachlich, altmeisterlich einteilen lässt, sondern die verschiedenen Stile parallel anwandte, je nachdem wie es zur Thematik passte. Zugleich hat er zu allen Zeiten in den verschiedenen Genres betätigt: Akt, Porträts, Heiligendarstellungen, Kriegsszenen. Der leidenschaftliche Großstädter Dix malte außerdem immer schon Landschaften, nicht erst erzwungenermaßen am Bodensee, den er „zum Kotzen schön“ fand. Eines der frühesten Gemälde zeigt eine Elblandschaft von 1912, impressionistisch angehaucht. Damals studierte der 21-Jährige noch an der Kunstgewerbeschule in Dresden Malerei.

Auch die drastischen Aktdarstellungen sind nicht etwa nur auf seine Berliner Zeit in den Zwanzigern reduziert, wo er die Dirnen und ihre Freier im Boudoir und auf der Straße porträtierte. In Friedrichshafen lernt man den Erotomanen Dix auch privat kennen, der beinahe täglich mit seiner Zweitfrau Käthe König in Dresden korrespondierte. Bis 2040 bleiben die Briefe der beiden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes zwar unter Verschluss, auf Wunsch beider Familien. Eine Zeichnung von 1960 mit der Widmungszeile „die schönste Mös der Welt“ lässt ahnen, was noch kommen könnte. Tochter Katharina bestätigte mit Bleistift am Fuß des Blattes jedenfalls: „Aus dem Nachlass meines Vaters“.

Anzeige wegen Verbreitung unzüchtiger Bilder

Die großen Ausstellungen zu Otto Dix mögen längst gelaufen sein, Stuttgart, Dresden, Chemnitz feierten ihn in den letzten Jahren. Aktuell zeigt Colmar seine vom Isenheimer Altar inspirierte Malerei. Das Dix-Haus in der Vaterstadt Gera hat pünktlich zum 125. Geburtstag mit einer Sonderausstellung der Jahre 1932 bis 1942 wiedereröffnet. Ein kleiner Trost, nachdem die hochfliegenden Pläne der Stadt für ein von David Chipperfield umgebautes Bankgebäude als eigenes Museum aus finanziellen Gründen scheiterten. Auch in Hemmenhofen ist das Haus des Künstlers zu besuchen, das seit drei Jahren einen Anziehungspunkt für Touristen darstellt, die sich auf seine Spuren und die des Dichters Hermann Hesse begeben haben. Als Dix ins Dorf kam, war Hesse allerdings schon in die Schweiz weitergezogen.

In der Ausstellung in Friedrichshafen lassen sich Trouvaillen machen, Werke, die so noch nicht in den Blick genommen wurden. Zu den Schätzen des Hauses gehört eine spätere Grafik seines Skandalwerkes „Mädchen vor dem Spiegel“ aus dem Jahr 1921, für das er sich eine Anzeige der Berliner Staatsanwaltschaft wegen Verbreitung unzüchtiger Bilder einhandelte und das heute als verschollen gilt. Zu sehen ist von hinten eine junge Prostituierte, die sich vor dem Spiegel schminkt. Im Spiegelbild erscheint die wohlproportionierte Schönheit jedoch als verlebte Alte. Das Vanitassymbol gewinnt hier ganz praktisch Anwendung.

Dix zeigte in seinen Bildern Dicke, Dünne, Alte, Junge, wilde Szenen, viel nacktes Fleisch, Opfer von Lustmördern. Mit der gleichen Brutalität legte er auch seine Kriegsbilder an, die ungeschönt die Zerstörung von Mensch, Tier und Landschaft vorführen. Den berühmten Radierzyklus „Der Krieg“ von 1924, der ebenfalls in Friedrichshafen zu sehen ist, nahm sein Berliner Galerist Karl Nierendorf aus der Auslage, da er befürchtete, das Schaufenster könnte von wütenden Passanten eingeschlagen werden.

Dix wollte auch das Unsympathische, Dreckige sehen

Bis heute, trotz der fast zur Gewohnheit gewordenen täglichen Aufnahmen von Opfern aktueller Kriege, graust der Anblick der halb verwesten, im Schützengräben aufgespießten Leiber in Dix’ Grafiken. Die schwarz-weißen Kraterlandschaften der Schlachtfelder aus dem Ersten Weltkrieg bestürzen weiterhin. Und doch spürt man genau, wie sehr den Künstler das Extreme reizte, dass dahinter nicht nur Antikriegs-Propaganda steckt, sondern ihn die Gräuel zugleich faszinierten. Mit der gleichen Hingabe zeichnete er die mumifizierten Totenschädel mit ihren verzerrten Visagen aus der Kapuzinergrotte in Palermo während einer Italienreise 1924.

„Alles muss ich sehen“, hat Dix 1961 erklärt. „Auch das ganz Unsympathische, das ganz stinkig Dreckige, (...) alle Untiefen des Lebens.“ Als Augenmensch verschlang er alles gierig und beutete es für seine Bilder aus. Dix ist ein Chronist der Grausamkeit, Mitleid mit den Opfern von Gewalt empfindet er nur bedingt, sie liefern ihm die stärksten Vorlagen. Diese Härte setzt sich fort bis die Porträts seiner Nächsten. Kinder, Enkel, Geliebte zeichnet er kühl in neusachlichem Stil. Sobald er Gefühl zu zeigen versucht, driftet er ins Kitschige wie bei den späten Lithos der Enkelkinder, die er putzig mit Pausbacken und Blümchen wiedergibt. Die gleiche Gefahr droht beim Gemälde „Der Heilige Lukas malt die Madonna“ von 1943, das unterschwellig Zündstoff birgt. Dix stellte sich selbst als Evangelist dar, der zeichnend auf dem Rücken des Stiers sitzt. In der Madonna ist unschwer seine damalige Geliebte Irmgard Bahle zu erkennen, heilig wirkt auch sie nicht. Das Liebliche sollte Dix nur in der Fernsicht gelingen, mit Blick auf die ungeliebte Landschaft des Bodensees.

Zeppelin Museum, Friedrichshafen, bis 17. April; Katalog (Hatje Cantz) 24,80 €.

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