Kultur : Otto Nagel: Verwanzte Destillen - Galerie am Potsdamer Platz

Sonja Bonin

Er war ein Prolet, der Proleten malte, ein Arbeitersohn aus dem Wedding, völliger Autodidakt, dafür umso besser vertraut mit dem Umfeld, dem seine Motive entstammen. Seit Otto Nagel (1894-1967) als Teenager zu malen begann, behauptete er, realistisch abzubilden, was er sah. Während aber die nähende Frau im Park noch nahezu imspressionistisch auf die Leinwand getupft erscheint, verraten bereits frühe Porträts wie das "Arme Hürchen" von 1921 einen herausragenden Maler der Neuen Sachlichkeit. Dass die Nazis Otto Nagel als "entartet" verfolgten, verwundert nicht. Es mag an der Modernität seiner Stilmittel gelegen haben, an der Gleichbehandlung von Vorder- und Hintergrund, wie sie für Max Beckmann, Otto Dix und George Grosz typisch sind. Oder es waren die Motive, deren kritische Kraft die Nazis fürchteten: vielköpfige Proletarierfamilien, eingepfercht in ihre dunklen, feuchten Hinterhofwohnungen, abgekämpfte Arbeiter auf dem Weg aus der Fabrik in ihre tristen grauen Mietskasernen, die Verlierer der Industrialisierung in den verwanzten Destillen und Budiken des Berliner Nordens. Und natürlich war Otto Nagel Kommunist, noch ehe er Künstler wurde. In der DDR wurde Otto Nagel zu einem wichtigen Kulturpolitiker, der den sozialistischen Realismus propagierte und bis zu seinem Tod Vizepräsident der Deutschen Akademie der Künste war. Die Ausstellung in der Galerie am Potsdamer Platz (bis 28. Juni, Mo-Sa 15 bis 19 Uhr) zeigt aber vor allem das Ergebnis der von den Nazis erzwungenen inneren Emigration, unverfängliche Stadtansichten des untergegangenen Alt-Berlin.

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