Kultur : Out of Weilheim

Sassan Niasseri

Die Musiker von The Notwist sind ländliche Menschen, eigensinnig und unverdorben, als kämen sie geradewegs aus einem Wald marschiert. Sie brummeln, statt zu reden, wollen nicht, dass es viel Aufregung um sie herum gibt: Sie wollen arbeiten, zurück an ihre Geräte, die im oberbayerischen Weilheim stehen. "Yuppies", "Glamourscheiß", "geputzter Großstadtkram" - Micha Acher und die Band, sie können den Glanz nicht ertragen. Dann lieber Typen sein, sagen sie, die kernig sind und aus dem Mund riechen, aber dafür wahre Geschichten erzählen. Acher schmunzelt, lacht. Ein breiter, bayerischer Akzent: "Wir beflecken unsere eigene Musik." Schönklänge machen sie zunichte, regelmässig, spätestens im letzten Songdrittel ist es mit jeder Harmonie vorbei. Sie konnten ja nicht wissen, dass sie dennoch bald in die Charts gelangen würde.

Das Lächeln der Verlierer

Vier Jahre nach ihrem letztem Album "Shrink" haben The Notwist wieder ein Werk veröffentlicht. Es gibt kaum ein Musikmagazin, das "Neon Golden" (City Slang / Virgin) nicht in den höchsten Tönen loben würde. Selten hat es in jüngerer Zeit eine Band gegeben, die so stimmig Rockmusik, Jazz und Elektronik miteinander verknüpft - mit elegischen Songs, in denen traditionelle Instrumente und digitale Technik nahezu perfekt ineinander greifen. "Fail with consequence, lose with eloquence and smile", singt Markus Achers helle Stimme, während die vierköpfige Band wie eine abgedrückte Ader puchert und wie ein letzter Scheiterhaufen verglimmt. Der etwas vage Stilbegriff "Indietronics" habe endlich seine Erfüllung gefunden, heißt es. "Selbstverständlich ist auch der Computer für uns ein Basisinstrument", Acher klingt beleidigt. Als hätte ihnen das niemand zugetraut, den Umgang mit Computern.

Die modernste Musik kommt jetzt aus der Provinz: Es gibt zahllose Mythen über Weilheim, den Herkunftsort der Band. Nur 20 000 Menschen leben dort. Dennoch gilt die Musikszene Weilheims, und über den Grund grübeln Beobachter seit Jahren, als eine der innovativsten im Land. Alle dort sind untereinander verwoben, jeder spielt bei jedem mit: Lali Puna, Fred is Dead, Tied + Tickled Trio - das sind nur die bekannteren Projekte eines musikalischen Eifers, in dessen Zentrum die Gebrüder Acher stehen. "Es gibt kein Geheimnis, das den Erfolg der Stadt beschreiben könnte", sagt indessen Micha Acher. "Es gab da nur ein paar Freunde, die Anfang zwanzig waren und mit derselben Idee aufgewachsen sind."

Es gibt kein Gesetz, das musikalische Paradigmenwechsel auf urbane Lebenserfahrungen fixiert. Trotzdem werden Innovationen gemeinhin aus dem Dickicht der Städte erwartet. Schon eine Band wie Kraan, die auf einem westfälischen Landgut wirkte, oder Ton Steine Scherben, die zwecks Gründung einer Landkommune ins friesische Fresenhagen auswanderten, haben diesen Irrglauben widerlegt.

So hat auch die Münchner Umgebung ihre Vorteile. Kulturell längst nicht so überreizt wie die Hauptstadt, dafür mit einer traumhaften Landschaft gesegnet, erlaubt sie einem wenigstens, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.Die Achers hatten sich schon früh nach Verbündeten umgesehen und alle Möglichkeiten ergriffen, mit anderen Musik zu machen. Auch innerhalb der Familie. Noch heute spielen Micha und Markus Trompete und Schlagzeug bei der Band ihres Vaters, den "New Orleans Dixie Stompers": auf Sonntagsfrühschoppen in Kellern, vor angetrunkenen Gästen, die von The Notwist noch nie das Geringste gehört haben. Viele der Weilheimer Popmusiker sind inzwischen nach München gezogen.

Gemessen an den Anfängen 1990, als The Notwist ihr Debütalbum veröffentlichten, erscheint ihr gegenwärtiger Erfolg unvorstellbar. Damals fingen sie an als eine laute, eher einfältige Hardcore-Band. Schüchterne junge Musiker, die ihr Publikum gelegentlich mit einem freundlichen "Grüß Gott" empfangen haben sollen. Das Banjo, das die Band seit ihrem zweiten Album "Nook" immer häufiger einsetzt und auch heute noch ein prägendes Klangelement darstellt, war nur ein kleiner Hinweis auf die Vielfalt an Instrumenten, auf die sie heute zurückgreifen. Mitte der Neunziger, als der Indierock mit Holzfällerhemd, wie ihn die Grunge-Bewegung noch einmal hatte aufleben lassen, sich endgültig totgelaufen hatte, begannen The Notwist, mit Computern zu arbeiten. Später nahmen sie den Soundtüftler Console, neben ihnen der bekannteste Musiker aus Weilheim, als festes Mitglied auf. Die Band zog sich jetzt für immer länger werdende Produktionsphasen ins Studio zurück, zuletzt angeblich für 16 Monate. Derweil veröffentlichten Fusion-Bands wie Lali Puna oder Tied + Tickled Trio, bei denen die Achers selbst auch mitspielen, viel gelobte Alben. Sie prägten jetzt den Weilheim-Sound. Und stellten die rumpeligen, melodischen Klang-Exkursionen von The Notwist, mit denen einst alles begonnen hatte, inzwischen in den Schatten.

Vielleicht wirkt "Neon Golden" deshalb für manche wie ein Angriff auf all das, was Songs eingängig und verständlich macht. Und tatsächlich erfordern die Songs von The Notwist Aufmerksamkeit: Melodien, wie in "Solitaire", werden behutsam aufgebaut, dann nur noch angedeutet oder ganz fallen gelassen. "Die Aufnahmen entstanden aus einer Art Anti-Haltung", gesteht Micha Acher. "Neon und Golden, kalt und warm - das ist der Gegensatz, der uns zu dieser Arbeit bewog. Wir wollten nicht eine Glätte herstellen, die sich im Kreis dreht." Markus Acher verglich dieses Gefühl einmal mit dem Joy Division-Song "Love Will Tear Us Apart", in dessen süßlicher Melodie Ahnung einer großen Tragödie aufbewahrt ist und trotzdem einen umwerfend tanzbaren Rhythmus in Szene setzt.

Gimmicks als Selbstzweck

Auch bei The Notwist soll man seiner nicht sicher sein: Eine Bluesrock-Melodie, die die Band mitunter minutenlang wiederholt und als Riff etabliert, wird plötzlich gestoppt. Oder die von Bläsersätzen umzirkelten Melodien schwingen in endlosen Pendelbewegungen ganz von alleine aus. Die Isolation der von elektronischen Knister-Geräuschen zersprengten Song-Fragmente wird indes auf Dauer zum Selbstzweck. So sehr in ihre eigene Verschnitt-Technik verliebt waren The Notwist früher nicht.

Dennoch hat sich das Weilheimer Quartett seinen verschrobenen Buben-Charme erhalten. Als es "Neon Golden" in einem Münchner Theater vorstellte, hatte sich Sound-Tüftler Martin Gretschmann mit seinen Geräten in den Keller des Gebäudes zurückgezogen. Während die Kollegen an Gitarre, Bass und Schalgzeug auf offener Bühne spielten, wurden seine Botschaften zeitgleich vom Bayerischen Rundfunk ausgestrahlt. Das Publikum war angehalten, sie mit kleinen Transistor-Radios zu empfangen, so dass die Musik erst im Kopf der Hörer zusammenfloss. Und so schauten die Musiker in einen atomisierten Saal hinab, in dem jeder für sich etwas hörte, das er für das Ganze hielt.

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