Kultur : Ozean der Stille

Eine deutsche Erfolgsstory: Die Villa Aurora bei Los Angeles feiert ihr Zehnjähriges als Künstlerhaus – auch in Berlin

Norbert Kron

Anfang der 1940er Jahre biegt eine zierliche Frau mit ihrem Wagen vom Sunset Boulevard in eine schmale Bergstraße ab, die sich in Serpentinen die Hügel über dem Pazifik hinaufzieht. Dort besichtigt sie ein leer stehendes Haus. Das Gebäude, ein trutziger Bau im spanischen Kolonialstil, ist heruntergekommen, die Fenster sind kaputt, Schutt lagert zentimeterhoch in den Räumen. Kein Wunder, die Gegend vor den Toren von Los Angeles ist kaum erschlossen, liegt viele Kilometer außerhalb der Stadt. Doch der weit gespannte Blick über die Bucht und der günstige Kaufpreis von 9 000 Dollar lassen die Interessentin über alle Bedenken hinwegsehen. Mit unerbittlichem Einsatz bringen sie und ihr Mann das Haus auf Vordermann, machen aus ihm wieder das, was es bei seiner Erbauung war: eine herrschaftliche Villa.

Als sie 1943 in das Haus einziehen, verbreitet sich sein legendärer Ruf schnell. Nicht nur Freunde, die sich ebenfalls in der Gegend niedergelassen haben, strömen herbei, um die einmalige Atmosphäre bei Soireen zu genießen – auch angestammte Bewohner aus Hollywood. Es sind Gäste, die so berühmte Namen tragen wie Bertolt Brecht, Hanns Eisler, Thomas und Heinrich Mann, Charlie Chaplin oder Fritz Lang.

Was würde Lion Feuchtwanger, der Hausherr, wohl empfinden, wenn er wüsste, dass ein halbes Jahrhundert nach seinem Tod junge Schriftsteller in seinem Schlafzimmer wohnen und dort in seinem Bett seine Werke lesen? Wäre er irritiert über die Wiedergänger, Künstler und Musiker, die am Morgen seinen Arbeitsplatz in der oberen Bibliothek einnehmen, um an ihren Werken zu arbeiten, einer Partitur, einem Drehbuch? Oder wäre er amüsiert, wenn er ihre Künstlergelage miterleben könnte, die sie in derselben Küche, in demselben Salon abhalten, in dem auch er mit seiner Frau seine berühmten Künstlerfreunde empfing?

Niemand hat das Ehepaar Feuchtwanger gefragt, ob es dem künstlerischen Treiben in ihrem Haus zustimmen würde – aber es steht zu vermuten, dass der kosmopolitische Schriftsteller und seine kommunikative Gattin erfreut wären, dass ihr idyllischer Zufluchtsort in der Fremde heute zu einem transatlantischen Umschlagplatz geistigen Lebens geworden ist – und nicht zu einem staubigen Museum oder gar einer Industriellenvilla.

Während die Villa Massimo in Rom als deutsche Kultureinrichtung einen nahezu mythischen Bekanntheitsgrad besitzt, ist die Villa Aurora in Pacific Palisades bei Los Angeles noch immer eher Insidern bekannt. Spätestens heute, wo sie ihr zehnjähriges Jubiläum als Künstlerhaus begeht, sollte sie endgültig im Bewusstsein der Öffentlichkeit als eine Art „Villa Massimo am Pazifik“ verankert werden, deren Genius Loci in der Übereinanderlagerung von Geschichte und Gegenwart besteht. Sie ist eben kein Ort musealen Andenkens, kein germanistisches Synonym für literarisches Exil – sondern eine überaus lebendige Stätte des künstlerischen Austausches vor dem Hintergrund einer großen Vergangenheit.

Lion Feuchtwangers Weg nach Amerika, das war die lange, gefährliche Flucht vor den Nazis, denen der Schriftsteller zunächst ins französische Exil und von dort, bereits interniert, mit knapper Not an die amerikanische Westküste entkam. Trotz der Traumvilla, die ihren Namen ihrem roten Erstrahlen in der Morgensonne verdankt, muss man sich die Lage des Autors in der kalifornischen Emigration zwiespältig denken. Anders als sein Schriftsteller-Kollege Thomas Mann konnte er auch nach dem Krieg aus passrechtlichen Gründen nie wieder den Boden seiner Heimatsprache betreten. So blieb auch die Entdeckerin des Hauses, Martha Feuchtwanger, bis an ihr Lebensende in Los Angeles. Als sie – fast drei Jahrzehnte nach Lion – 1987 starb, hinterließ sie das Haus mitsamt seiner fantastischen Bibliothek der University of Southern California (USC).

Zu weit abgelegen für den universitären Betrieb, drohte das Gebäude erneut zu verfallen. Womöglich wäre es irgendwann an einen der vielen Filmstars wie Steve Martin oder Tom Cruise verkauft worden, die in und um Pacific Palisades leben, wenn nicht ein paar entschlossene Kulturmacher und die „Pressestiftung Der Tagesspiegel“ die Gunst der Stunde erkannt und einen „Kreis der Freunde und Förderer der Villa Aurora“ ins Leben gerufen hätten. Marianne Heuwagen, Freimut Duve, Lothar Poll – um nur einige zu nennen – gelang es, nicht nur mit der USC handelseinig zu werden, sondern auch die öffentlichen Mittel vom Auswärtigen Amt und der Klassenlotterie aufzutreiben, um das Haus als deutsche Kulturstätte zu etablieren.

Dass das renovierte Haus dank des kalifornischen Immobilienbooms seither seinen materiellen Wert um das Fünf- bis Sechsfache gesteigert hat (und nun auf über 10 Millionen Dollar geschätzt wird), sollte den ministerialen Geldgebern allein Ansporn sein, die Künstlerresidenz mit größerem Elan weiter zu fördern. Tatsächlich kämpft die Chefin der Villa-Stiftung Mechthild Borries-Knopp von Anfang an einen unermüdlich Kampf, um den vielfältigen Betrieb des Hauses überhaupt zu gewährleisten. Zusammen mit ihren Mitarbeitern, allen voran der Leiterin der Villa, Claudia Gordon , hat sie in den letzten Jahren zahlreiche Fundraising-Programme ins Leben gerufen, die die knappen staatlichen Mittel ergänzen müssen.

Über 120 deutsche Stipendiaten wurden so in den letzten zehn Jahren für je ein Quartal zum Arbeiten nach L.A. eingeladen (hinzu kommen die internationalen Gäste des Programms Writers-in-exile, das verfolgten Schriftstellern hilft). Die Liste der Eingeladenen liest sich wie ein Who’s Who der Gegenwartskunst. Heiner Müller machte mit seiner Frau Brigitte Maria Mayer den Auftakt, ihnen folgten unter anderen Regisseur Wolfgang Becker (der hier an seinem Drehbuch zu „Good Bye, Lenin!“ arbeitete), das Künstler-Duo Eva und Adele oder der Büchner-Preisträger Durs Grünbein.

Die versteckten Schätze und Geschichten, die das Haus birgt, sind es, die die Künstler zu „Transatlantischen Impulsen“ inspirieren. Vor Martha Feuchtwanger hatte schon eine andere berühmte Schriftstellergattin das verfallene Anwesen besichtigt – jedoch ihren Mann dazu bewogen, lieber ein paar Kilometer weiter ein neues, eigenes Anwesen zu bauen. Wenn das Ehepaar später zu den Feuchtwangers auf Besuch kam, musste Katja sich von ihrem Mann Thomas manch vorwurfsvollen Blick gefallen lassen, dass sie sich dieses „wahre Schloss am Meer“, wie er sagte, hatte entgehen lassen. Doch für die jungen deutschen Künstler von heute ist dies wohl ein Glücksfall. Im Besitz der kinderreichen Familie Mann wäre das Haus kaum herrenlos geblieben und zum Verkauf gekommen. Lion und Martha Feuchtwanger blieben ohne Kinder. So sind es die Künstler-Stipendiaten, die nun zu ihren Erben geworden sind. Seit genau zehn Jahren schreiben sie nun die Geschichte der Villa fort – eine Erfolgsstory deutscher Kulturförderung.

Norbert Kron lebt als Schriftsteller und Filmemacher in Berlin. Er war Stipendiat der Villa Aurora. Zuletzt erschien sein Roman „Autopilot“ (Hanser).

Mit etlichen Veranstaltungen wird in Berlin die Villa Aurora gefeiert. Heute um 19 Uhr wird im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung „ Transatlantische Impulse “ eröffnet (bis 19.2.). Im Anschluss beginnt eine Lesereihe mit Aurora-Autoren, u. a. mit „Poetryclips“ von Sabine Scho und Norbert Kron.

Vom 2. bis 4. 12. findet im Werner-Otto-Saal im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die Reihe „ Berlin meets Los

Angeles in concert " statt (jeweils 20 Uhr), mit Werken u.a. von

Daniel Rothmann und Volker Staub. Das Arsenal (Potsdamer Platz) steuert eine Filmreihe bei. Informationen unter www.villa-aurora.org

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