Ozeane : Weniger ist Meer

Der letzte Schwarm: Die Ozeane sind bald leer gefischt. Dass sich das Meer nach dem Raubzug der industriellen Großfischerei tatsächlich dramatisch zu leeren beginnt, wie der jüngste, in dieser Woche veröffentlichte UN-Bericht über die Entwicklung der globalen Fischbestände wieder bestätigt hat, verwundert uns nicht. Höchste Zeit für einen Blick in die Tiefe.

Kai Müller
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Kreisverkehr der Barracudas. Fischskulptur im Roten Meer. Foto: Imago

Ein junger Mann schaut aufs Meer und sieht gar nichts: So beginnt das Romandebüt des Letten Sigitas Parulskis. Es ist nicht normal, dass er nichts sieht, das findet auch der junge Mann. „Es ist gut, wenn sich irgendwo am Horizont ein Schiff bewegt. Dann sehe ich das Schiff“, erzählt er. „Wenn da kein Schiff ist, sehe ich nur Wasser, jede Menge sinnlos schaukelndes, kaltes Salzwasser.“ Der Erzähler in „Drei Sekunden Himmel“, das demnächst auf Deutsch erscheint, ist zu sehr mit sich und seiner verkorksten Vergangenheit beschäftigt, um sich zu fragen, was er statt Wasser sehen könnte. Tatsächlich ist ja meist nichts anderes zu sehen. Vielleicht eine Horde sich aufs Wasser werfender Möwen. Die Rückenflosse eines Schweinswals. Ein Gezeitenstrudel.

Der Blick des deprimierten baltischen Helden ist konditioniert. So wie er schauen die Menschen seit Jahrhunderten auf die See. Auf eine leere Fläche. Dass sich das Meer nach dem Raubzug der industriellen Großfischerei tatsächlich dramatisch zu leeren beginnt, wie der jüngste, in dieser Woche veröffentlichte UN-Bericht über die Entwicklung der globalen Fischbestände wieder bestätigt hat, verwundert uns nicht. Der Kollaps der Fischerei ist absehbar. Aber da sie schon seit Jahrzehnten von Fangquoten gegängelt und aus lauter Profitgier zunehmend in die Kriminalität getrieben wird, dürfte auch der alarmierende aktuelle Artenreport das Verhältnis der Weltbevölkerung zu einer ihrer wichtigsten Eiweißquellen nicht beeinträchtigen. Oder doch?

Umweltverbände predigen seit längerem eine Ausweitung der Aquakultur, die den Nahrungsbedarf mit in schwimmenden Farmen künstlich gezüchteten Fischen stillt. Auch macht das Wort von der „nachhaltigen Fischerei“ die Runde. Wobei Experten hilflos der Plünderung zusehen; 80 Prozent der in Meeren lebenden essbaren Tiere sind vom Aussterben bedroht. Es gibt zwar Fangquoten in Europa, aber die sind das Ergebnis politischer Ränkespiele, nicht der Rücksicht auf die Ökologie. Zudem setzt sich die Quote aus Erträgen zusammen, die von Fischern an Land abgeliefert werden. Die tatsächlich „gefangene“ und als verendeter Kollateralmüll wieder ins Meer zurückgeworfene Menge ist etwa doppelt so hoch.

Woher kommt diese Zügellosigkeit?

All das geschieht „da draußen“, hinter dem Horizont. Also auf einem Terrain, für das sich niemand so recht zuständig fühlt und das den Nimbus des Außerzivilisatorischen hat. Hinzu kommt der Klimawandel. Er treibt Warmwasserfische immer weiter in kältere Gefilde, wo sie die überfischten Bestände ersetzen. Der Nachschub in Äquatornähe bleibt allerdings aus. Europäische, japanische und chinesische Fangflotten handeln ärmeren Ländern Nutzungsrechte ab und fischen regionale Märkte leer: Längst ist ein erbitterter Lebensmittelkrieg entbrannt. Woher kommt diese Zügellosigkeit?

Fischerei sei ein „zwieschlächtiges Geschäft“, sagt der britische Schriftsteller James Hamilton-Patterson. Sie verstehe sich einerseits als Jägerdisziplin, andererseits als Form des Agrarwesens. Beides stimme nicht. „Es ist keine Spur von echter Jagd in ihr übrig, denn die Beute wird mit elektronischen Fischsuchgeräten aufgespürt. Auch der Landwirtschaft gleicht sie nicht, denn kein Bauer kann ernten, wo er kein einziges Korn gesät hat. Das können nur Sammler.“ Doch vom Sammler, der Dinge um ihrer selbst und ihrer historischen Bedeutung willen aufbewahrt, unterscheidet den Fischer fast alles.

Sein Handwerk ist rabiat und gefährlich. 24 000 Fischer verlieren nach UN-Angaben jährlich ihr Leben. Sie sind vom Tod umgeben. Sie stapfen mit Gummistiefeln durch zappelnde, schmierige Tierhaufen, schlitzen den nach Luft schnappenden Meeresbewohnern die Bäuche auf und pflegen wegen der Härte ihres Berufs eine grimmige Verachtung für Fisch und alle, die ihn schützen wollen. Erstaunt stellt Hamilton-Patterson in „Seestücke“ fest, dass Fischer „überhaupt nicht den Eindruck von Leuten machten, die Nahrung sammeln; es ist bloß etwas, das sich verkaufen lässt“. So wird einfach aus dem Meer herausgeholt, was es zu bieten hat. Und oft genug läuft es anders herum: Ganze Kutter werden mit ausgebrachten Netzen in die Tiefe gerissen.

Der Fischer prägt als stoischer Untergeher die maritime Kultur. Man singt ihm traurige Lieder wie jenes von Robert Wyatt, in dem es heißt: „You’re a seasonal beast like the starfish that drift in with the tide.“ Man schreibt ihm traurige Texte, in denen er sich als nervliches Wrack gegen Stürme, Hunger und Kälte auflehnt, bis er nicht mehr kann. Man könnte sich mit Büchern durch all die traditionellen Fanggründe lesen, die heute unter dem Artenrückgang leiden – angefangen mit Hemingways altem Mann, der vor Kuba mit dem Schwertfisch ringt; weiter dem Golfstrom folgend nach Neufundland, wo Donna Morriseys „Geruch von Salz“ spielt, die Liebesgeschichte einer Frau, die niemals einen Fischer haben wollte und dann doch an einen gerät; weiter zum Flemish Cap, wo Sebastian Jungers Untergang des Langleinen-Trawlers „Andrea Gail“ spielt („Der Sturm), bis zu den Fischbänken westlich von Irland, wo Ignacio Aldecoa in „Gran Sol“ das mürrische Hadern spanischer Seeleute schildert. Allen Geschichten ist ein beharrendes Moment eigen. Veränderungen kehrt der Fischer von jeher den Rücken zu.

Das Thema ist nicht neu

Schon vor über hundert Jahren hat ein britischer Fischerei-Experte die „Tyrannei der Bestandserschöpfung“ angeprangert. Umsonst. Wenn es dieselbe Ausdünnung am Himmel geben würde, wie sie in den Ozeanen stattfindet, würden die Menschen eine Katastrophe befürchten. Zwar haben sie gelernt, die Ozeane als komplexe Ökosysteme wahrzunehmen, seit Jacques-Yves Cousteau „das lebende Meer“ auf seinen Safaris zum Abenteuerspielplatz erklärte. Aber überlagert wird die Erkenntnis des wimmelnden Daseins unter Wasser vom Bild des Wassers selbst. Sechs Siebtel der Erde sind von ihm bedeckt. Den abendländischen Kulturnationen galten die Seeräume als Handelswege. Deshalb nehmen wir das Meer als Horizontale wahr. Was darunter liegt, hat in der Fantasie verängstigter Vorzeiten Monster geboren. Heute holt die immer tiefer schaufelnde Fischerei die unansehnlichsten Kreaturen ans Tageslicht. Aber sie sind zu klein, als dass man sich näher für sie interessierte.

In der Auseinandersetzung mit der Tiefsee haben die großen Jäger lange das Bild beherrscht – Flipper, Moby Dick, Willy. Dabei fallen sie als Populationen nicht ins Gewicht. Das hat Bestsellerautor Frank Schätzing beeindruckend simpel veranschaulicht, als er den Schwarm zum eigentlichen Akteur der Tiefe seines ozeanografischen Thrillers machte. Der Fisch, kalt, glitschig und stumm, ist nur in der Masse bedeutsam. Seine kollektive Intelligenz ist uns näher, als wir denken. Sie lehrt uns die Macht von Konsumenten: wie folgenreich Gemeinwesen ohne zentrale Autorität agieren können. Ihr eigenes Überleben ist damit noch lange nicht garantiert.

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