Kultur : P. Lands neues Video: Peter ohne Wolf - In der Galerie Klosterfelde

Katrin Wittneven

Ein Mann geht durch den Wald. Den Hut mit Gamsbart auf dem Kopf, das Gewehr geschultert, schreitet er frohen Mutes auf die Jagd. Es ist ein warmer Sommertag. Außer ein paar Insekten zeigt sich kein Tier, doch der Jäger scheint ein klares Ziel zu verfolgen. Er erreicht einen Tümpel, fährt mit einem Ruderboot auf den See hinaus, schießt ein Loch in den Boden und versinkt, unbeweglich auf dem Boot verharrend. Langsam schwimmt der Hut aus dem Bild.

In dem jüngsten Video des Dänen Peter Land spielt er, wie immer, die Hauptrolle. Und wie immer arbeitet er mit klassischen Elementen des Slapstick, provoziert als dummer August oder ungeschickter Kaskadeur dabei ein Lachen, das im Hals stecken bleibt. Und doch ist "The Lake" (Aufl.: 5, je 24 000 Dollar) anders als Lands frühere Arbeiten: Inszenierte sich der Künstler in der Vergangenheit als hilfloses Objekt, das, nicht Herr seiner Selbst, wieder und wieder vom Barhocker oder der Leiter fällt, begeht er in "The Lake" mit gewisser Leichtigkeit eine selbstbestimmte Handlung - wenn es auch ein Suizid ist.

Wozu leben wir? Keine geringere als diese Frage beschäftigt Peter Land. Ernsthaft, aber keineswegs humorlos, konfrontiert er uns in seinen Videos mit der Armseligkeit unseres Daseins. Der Mensch kann nur scheitern: als ein Komiker, der nicht witzig ist, ein peinlicher Nackttänzer oder ein lächerlicher Wandersmann, schwitzend mit gelben Socken und Krawatte auf nutzloser Pirsch. Dieser trostlosen Einsamkeit, in der mancher Interpret die Suche des modernen Mannes nach seiner verlorenen Identität lesen mag, stellt Land die Erhabenheit von Natur und Musik gegenüber. Bereits derTreppenstürzer in "The Staircaise" (1998) wird mit einer Videoprojektion vom Sternenhimmel und klassischer Musik konfrontiert. In "The Lake" lenkt die Kamera den Blick immer wieder auf die Schönheit der Natur: Filigrane Insekten, Himmelsimpressionen oder das Universum der Blätter in den Bäumen werden erhebend mit der "Pastorale", Beethovens sechster Symphonie, unterlegt.

Der Mensch, eher Kränkung als Krone der Schöpfung, stört in dieser Wunderwelt nur. Seine Lächerlichkeit versucht der verkleidete Jäger mit einem tiefen Schluck aus dem Flachmann zu betäuben. Auch das ein wiederkehrendes Motiv in seinem Werk - sei es als funktionsloser Haltegriff oder als Hemmungslöser beim Zur-Schau-Stellen der eigenen Person. In seiner bisher bekanntesten und bedrängendsten Arbeit "Peter Land d. 5. maj 1994" (1994) tanzt der Künstler stundenlang nackt vor der Kamera und wird dabei immer betrunkener. Im Vergleich dazu wirkt "The Lake" versöhnlich, obwohl es auch hier das Einzelfoto "Ballantines" (Aufl.: 10, 1000 Dollar) gibt, das den Künstler mit einer Whiskeyflasche am Baum lehnend zeigt. Außerdem ergänzt der Künstler sein Video mit einer zwölfteiligen Fotoserie (Aufl.: 7, 17 000 Dollar).

Wie in fast allen zeitgenössischen Videoarbeiten benutzt auch Peter Land Zeit und Geschwindigkeit als künstlerische Ausdrucksmittel. "The Lake" ist nur wenig länger als ein MTV-Videoclip, aber die Geschichte wird langsam und in Einzelbildern erzählt. Sie verlangsamt sich zum Ende hin; das Versinken des Mannes im See funktioniert als blinder Fleck auf dem Auge unserer Medienwirklichkeit. Reaktionslos verharrt er, bis ... ? Das letzte Bild des Ertrinkenden fehlt. Den Hut sehen wir aus dem Bild schwimmen, vielleicht hat der Wanderer selbst, einem plötzlichen Impuls folgend, doch noch das sinkende Schiff verlassen. Land lässt dieser Möglichkeit, so unwahrscheinlich sie erscheint, einen winzigen Spalt offen - es gibt noch Hoffnung im Staate Dänemark.

Nachtrag: Zuletzt wurden zwei großformatige Fotos aus "The Lake" im Rahmen von Anti-Haider-Aktionen an der Außenwand der Wiener Secession in Österreich gezeigt. Ein Ort, in dem diese Arbeit noch eine ganz andere Konnotation erhält: Schießt in unserem Nachbarland etwa auch jemand ein Loch in das Boot, in dem er sitzt?

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