Kultur : Paare.Passagen.

CHRISTOPH FUNKE

Kann eine Ausstellung leisten, was Goethes Theater-Direktor im "Faust"-Vorspiel dringend empfiehlt, nämlich "alles frisch und neu" zu machen, damit es "mit Bedeutung auch gefällig sei?" Wenn der Schauspieler abgetreten ist, gibt es kein Theater mehr.Nur noch Erinnerung, Entwürfe für Bühnenbilder, Kostüme, Masken, dazu Fotos und Papier: Kritiken, Berichte, Protokolle.Vielleicht auch ein paar bewegte Bilder, auf Filmspulen, auf Videobändern, und ein bißchen Akustik: Szenenausschnitte, Interviews, Reden, Monologe.Aber nichts Lebendiges mehr.Die Seele ist weg, das Spiel ist aus, die Aufführung für immer vergangen.

Also besser keine Ausstellung? Henning Rischbieter hat in der Berliner Akademie der Künste das eigentlich nicht Mögliche gewagt und Theater im geteilten Deutschland von 1945 bis 1990 unter dem Titel "Durch den Eisernen Vorhang" in zwei Sälen auf 1500 Quadratmetern Fläche zusammengebracht.Mit eben jenen Überbleibseln, die das Spiel hinterläßt.Und der Ausschaltung alles Zufälligen.Was zusammengetragen ist, versteht sich als gründliche, systematische Hilfe dafür, Erinnerung an Theater zu stützen, zu untermauern, auf neue Weise möglich zu machen - und womöglich kritisch zu hinterfragen.

Allerdings wird das Einverständnis vorausgesetzt, von einer auf Stellwände montierten Ausstellung mit ein paar Video-Flächen und Bildschirmen das Sinnliche, das Unmittelbare des Theaters nicht zu erwarten.Rischbieter verzichtet fast völlig auf den Versuch, szenisch zu werden, etwa Bühnenräume zu schaffen, Arrangements mit Figurinen aufzubauen, theatralische Vorgänge "nachzuahmen" - das alles wäre wieder nur ein Notbehelf.Er ist Kritiker, Autor und Wissenschaftler, er wählt aus, er bringt in Vergleich, er sucht die "Lokomotiven" zu finden, die den Theaterzügen in Ost und West vorgespannt waren.

"Durch den Eisernen Vorhang" ist, mit Respekt sei es gesagt, eine theoretisch fundierte Ausstellung, eine für "Lehrende und Lernende", um den Titel einer Hallenser Theaterunternehmung aus den sechziger Jahren hier aufzunehmen.Rischbieter selbst hält die Inhalte seiner Ausstellung für erschöpfend behandelt, nicht aber für vollständig, schon gar nicht für neutral und unparteilich.Sie solle, sagte er schon vor der Eröffnung, Akzente setzen und muß dafür vieles weglassen.Das beschreibt die eigene Leistung, das liefert doch reichen Stoff für Widerspruch und Einrede.

Markante, zeitlich aufeinanderfolgende Gegenüberstellungen in den theatergeschichtlichen Vorgängen West (Bundesrepublik) und Ost (DDR) bilden den Kernpunkt der Ausstellung.Die jeweilige Auffassung von Realismus, in einer oft extremen Widersprüchlichkeit und in ihrem Bezug aufeinander, macht Rischbieter an Regisseuren und Ensembleleitern fest, die kennzeichnend und stellvertretend sind für die Theaterwege im geteilten Deutschland.Er will dabei Besonderheiten entdecken, etwa klassizistisches oder heiter-aufklärerisches Theater, auch ein Theater bürgerlicher Finalzustände.Solche Begriffe und Etikettierungen sind bestreitbar, sie helfen aber, zur geistigen eine räumliche Ordnung zu finden.

Gemeinsam mit den so oder anders charakterisierten Antipoden werden die wichtigsten Theater und Theaterstandorte im Nachkriegsdeutschland vorgestellt.Also: Bertolt Brecht (Berliner Ensemble) und Gustaf Gründgens (Düsseldorf und Hamburg); Fritz Kortner (Schiller-Theater Berlin, München, Hamburg) und Wolfgang Langhoff, Wolfgang Heinz, Adolf Dresen (Deutsches Theater Berlin); Benno Besson (Deutsches Theater, Volksbühne Berlin) und Peter Zadek (Ulm, Bremen, Bochum); Alexander Lang (Deutsches Theater Berlin) und Claus Peymann (Stuttgart und Bochum).Ein aus dem Ost-West-Bezug herausgenommenes Paar bilden der "einsame Meister" Rudolf Noelte und Peter Stein (Schaubühne am Halleschen Ufer).Heiner Müllers die politischen Grenzen überschreitende Theaterarbeit setzt als "Theater der Geschichtsbrüche" den Schlußpunkt der zentralen Ausstellungskomplexe.

Es gibt aber mehr noch, in einer zweiten Abteilung mit anderer, eher dokumentarischer Herangehensweise.Zeitliche Lücken zwischen den Gegenüberstellungen werden geschlossen, etwa mit einem Rückblick auf die ersten Frontbildungen im Kalten Krieg (Berlin nach 1945) oder in der Erinnerung an das politische Theater von Piscator, Hochhuth und Weiss.Aufmerksamkeit finden zu Recht auch die Versuche der Mitbestimmung von Ensembles und Schauspielern, besonders in Frankfurt/Main und Halle.Sehr knapp ist die Unterrichtung über die neue Regisseur-Generation der siebziger und achtziger Jahre - mit Kontinuitäten und Brüchen im ausgehenden DDR-Theater und einem vorsichtigen, distanzierten Blick ins Theater der Gegenwart ("Die Kunst in der Krise") schließen die berichtenden, vorsichtig wertenden Übersichten.

Schon die Aufzählung macht deutlich, welche Fülle an Material bewegt und bewältigt wurde.Wie kaum anders möglich, sind Fotografien und Bühnenbildentwürfe für die optische Präsentation aller Teile der Ausstellung bestimmend.Die ausgewählten Inszenierungen erschließen sich zusätzlich durch klare, knappe Texte und, in einigen Fällen, durch Video-Installationen.Über einen Kopfhörer werden die gefilmten Szenen zum Sprechen gebracht, jeder Besucher kann sie allein für sich "abhören", ohne den Nachbarn zu stören.Am eindringlichsten gelingt das akustische Experiment mit dem Gegenüber von Wolfgang Heinz-Nathan und Fritz Kortner-Shylock.Über theaterpolitische und theatertheoretische Kontroversen allerdings verraten die vorgezeigten Dokumente wenig, sie verhalten sich neutral.Man muß lesen, man muß studieren, nicht nur die beigegebenen Texte, sondern auch das umfangreiche Katalog-Buch, in dem eine theatergeschichtliche Bilanz im Deutschland der zweiten Jahrhunderthälfte angelegt ist, aus erfreulich subjektiver Sicht, und von vielen Autoren.

Musiktheater spart die Ausstellung aus.Und auch das in Deutschland beispielhaft entwickelte Kinder- und Jugendtheater fehlt (mit Ausnahme einer kleinen, dem Grips-Theater gewidmeten Bildwand), für das Tanztheater steht allein Pina Bausch mit ein paar Fotos.Solche Einschränkungen müssen wohl akzeptiert werden, wo wollte man eine lückenlose Dokumentation über fünfzig deutsche Theaterjahre unterbringen? Andere Wertungen der Ausstellung sind bedenklicher.Jürgen Flimm, Dieter Dorn, besonders aber Thomas Langhoff kommen nur am Rande vor, auch George Tabori, Roberto Ciulli, Einar Schleef bleiben im eher marginalen Bereich.

Mit Ausnahme von Bertolt Brecht und Heiner Müller müssen sich Theaterdichter mit einer dienenden Funktion begnügen, den Schauspielern bleibt nichts als die eingeschränkte Präsenz auf Fotos und in Film- und Video-Ausschnitten.Am besten in solchen Ausstellungen haben es die Bühnenbildner, auch in der Akademie.Aber ihre zauberischen Entwürfe, das wird deutlich, sind über die dienende Haltung gegenüber der Aufführung längst hinausgewachsen, zum eigenständigen Kunstwerk geworden und also dem Theater entfremdet.

"In bunten Bildern wenig Klarheit, / Viel Irrtum und ein Fünkchen Wahrheit?" Nein, hier wäre Goethes Lustiger Person nun doch zu widersprechen.Rischbieter begreift, und dem kann kaum widersprochen werden, den Regisseur als die alle Elemente des Theaters zur Ganzheit zusammenführende Persönlichkeit.Darauf baut er die Gegenüberstellungen, die sinnlich zu ergänzen, zu beleben die Aufgabe des Betrachters bleibt.

Zwei Theatersysteme, durch den Eisernen Vorhang getrennt, erleben nun, fast zehn Jahre nach der politischen Wiedervereinigung, eine räumliche Zusammenkunft, werden optisch miteinander verklammert.Das ist eine Herausforderung."Das neue Publikum sitzt zurückgelehnt, mit gekreuzten Armen, und wartet darauf, unterhalten zu werden", schrieb Heiner Müller nach dem, was "die Wende" hieß.Die Ausstellungsbesucher, herumgehend, werden dieser Erwartung entsagen müssen.Zu eigenem Nutz und Frommen.

Die Ausstellung "Durch den Eisernen Vorhang" wird heute um 11.30 Uhr im Studio der Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, eröffnet.Es sprechen Akademie-Präsident György Konrad und Henning Rischbieter, Stellvertretender Direktor der Abteilung Darstellende Kunst und Kurator der Ausstellung.Die Schau im Obergeschoß ist geöffnet vom 16.Mai bis 1.August 1999, montags 13-19 Uhr, dienstags bis sonntags 10-19 Uhr, mittwochs ist der Eintritt frei.Als Buch ist im Propyläen Verlag der Katalog erschienen: "Durch den Eisernen Vorhang", Theater im geteilten Deutschland von 1945 bis 1990, herausgegeben von Henning Rischbieter (288 Seiten, 301 Abbildungen, 55 DM).Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Rahmenprogramm.Auftakt dazu ist der Vortrag von Günther Rühle: "Erinnern und Neubesichtigen für das Theater heute" am 17.Mai, 19 Uhr, Studio der Akademie, anschließend Diskussion, mit Wolfgang Engler, Ulrich Mühe, Ivan Nagel, Günther Rühle; Gesprächsleitung Michael Merschmeier.

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