Kultur : Paare, Passagen

Im Kino: „The Mars Canon“ buchstabiert Glück auf japanisch

Kerstin Decker

Die sexuelle Revolution kommt nach Japan. Oder war sie immer schon da? Schließlich sind auch Geishas nicht bloß Prostituierte. Sie bilden ein erotisches Zwischenreich. Mit der sexuellen Revolution entstehen viele erotische Zwischenreiche. Nur manchmal ist da so viel Zwischen, dass nichts Erotisches mehr übrigbleibt. Die Modernen kennen das. Kinuko zum Beispiel. Sie ist 29 und arbeitet in einem Reisebüro.

Kinuko (Kuno Makiko) ist Fulltime-Single. Nur dienstags nicht. Dienstags geht sie mit dem 43-jährigen Büroangestellten Kohei essen und danach ins Hotel. Dienstags hat Kinuko Sex. Aber dann trifft sie den Straßenpoeten Manabe und das Mädchen Hijiri (Nakamura Mami). Eine Anti-Büro-Welt. Eine Ahnung von Anti-Büro-Welt-Sex umweht Kinuko. Dann sagt Hijiri, dass der Beischlaf mit 43-jährigen verheirateten Büroangestellten nicht alles sein könne, was Kinuko vom Leben erwarte. Irgendwie hat sie Recht. Aber darf man sich das von einem Mädchen sagen lassen, das nicht mal einen Bürojob hat?

Regisseurin Kazama Shiori hat etwas vom Lebensgefühl der jungen Japaner eingefangen. Eine Vagheit mit Talent zum System. Die Jury der „Evangelischen Filmarbeit“ empfahl „The Mars Canon“ als Film des Monats, wegen des subtilen psychologischen Realismus. Bestimmt denkt sie an Hijiris Wahrnehmung des 43-Jährigen: „Was liegt dir an dem Alten? Scheint Schweißfüße zu haben!“ Und wirklich, Kinuko sieht ihren Mann plötzlich mit anderen Augen. Obwohl sie Worte wie „betrügen“ ablehnt. Vielleicht denkt sie, das Betrügen sei die Hauptbeschäftigung des modernen Menschen, aber nur die Archaiker glauben, dass wir mit Vorliebe andere betrügen. Das moderne Individuum weiß: Jeder betrügt zuerst sich selbst.

Bis Kinuko begreift. Dieses Mädchen Hijiri liebt sie. Sie kommt sogar, als Kinuko krank ist. Der Büroangestellte ist nicht da. Denn eine kranke Geliebte ist purer Unsinn. Entweder Geliebte oder krank. Und deshalb will Kohei, als er dann doch kommt und Hijiri gehen muss, und es ist nicht mal Dienstag, auch ein bisschen mehr als nur die fieberglänzenden Blicke Kinukos. Noch etwas hat die Evangelische Filmarbeit bemerkt: Es gibt fast keine Nahaufnahmen in diesem Film – nur Paaraufnahmen. Denn ist das „Ich“ nicht immer schon zwei? Kinuko und Kohei. Kinuko und Hijiri. Ein Film über das Unglück auf japanisch. Und über das Glück auf japanisch. Oft ist es nicht einfach, das eine vom anderen zu unterscheiden. (fsk am Oranienplatz, OmU)

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