Kultur : Pack den Tiger ins Gedicht

Die Darwinisten entern die Literatur: Wie Natur- und Kulturwissenschaften verschmelzen

Gregor Dotzauer

Noch sind sie intellektuelle Guerilleros, und der Gegner steht fast überall. Überall, wo es für die literarischen Darwinisten nach „Konstruktivismus“ riecht: nach der längst über die Universitäten hinaus gedrungenen Annahme, dass sich Menschen ihre Werte im Wesentlichen selber schaffen. Gehört es nicht zu den Kernüberzeugungen aufgeklärter Zeitgenossen, dass sich Geschlechteridentitäten oder die Grenze zwischen Normalität und Wahnsinn je nach politischer, ökonomischer und kultureller Lage verschieben? Aber wenn die Wirklichkeit durch und durch eine Erfindung ist, kann man sich eigentlich jede Auseinandersetzung um die Doppelexistenz des Menschen als Körper- und Geistwesen sparen.

Woher dann das Auf und Ab von Theorien? Immerhin sind die beiden kulturtheoretisch bedeutsamsten Denkschulen des vergangenen Jahrhunderts schwer angeschlagen. Die Psychoanalyse: ins Museum verbannt, das Unbewusste in die Neurowissenschaften abgewandert. Der historische Materialismus: durch den Untergang des Kommunismus praktisch erledigt. Zumindest in Amerika steht es also gar nicht so schlecht, den Namen von Charles Darwin an die Stelle von Sigmund Freud und Karl Marx zu setzen – und beim Nachdenken darüber, welche somatischen Voraussetzungen die symbolischen Äußerungen des Menschen haben, Jacques Derridas Dekonstruktivismus, Judith Butlers gender studies oder Stephen Greenblatts new historicism gleich mit zu verabschieden.

Tatsächlich bilden sich die radikalsten literarischen Darwinisten ein, wieder einmal zum ersten Mal in der Geschichte – wie Freud und Marx – erklären zu können, wie es sich wirklich verhält mit dem Menschen und seinen künstlerischen Hervorbringungen. Das ist natürlich naiv, soll aber die Naturhaftigkeit des Menschen als seine letzte, unhintergehbare Wahrheit betonen. Vielleicht suchen die Verfechter dieser Anschauung auch besonders klare Worte, um den christlichen Fundamentalisten und deren kreationistischer Light-Variante, den Anhängern des intelligent design, Paroli zu bieten – wobei ihnen eine große Darwin-Ausstellung im New Yorker American Museum of Natural History hilft (Tagesspiegel vom 28.11.). Die literarischen Darwinisten suchen jedenfalls nach den kulturübergreifenden Universalien, der deep history des Menschen: den durch Anpassungsleistungen in der Evolutionsgeschichte hervorgebrachten Strukturen des Denkens und Handelns.

Man muss zugeben, dass sie inzwischen durchaus differenziert argumentieren. Über die Alternative, ob der Mensch nun ein Kultur- oder ein Naturwesen ist, ob ihn eher das Angeborene oder das Anerzogene prägt, sind sie hinaus. Edward O. Wilson, der unumstrittene Ameisenforscher und weitaus umstrittenere Vater der Soziobiologie, empfiehlt seit langem, von einer genetisch-kulturellen Koevolution auszugehen. Selbst bei der Frage nach der Vereinbarkeit von evolutionärem und konstruktivistischem Gedankengut nähert man sich an.

Es gibt also keinen Grund, warum vor allem die evolutionäre Psychologie, die aufregendste Schule in Darwins Nachfolge, ausgerechnet vor der Literatur Halt machen sollte. Keinen außer einem: Was bringt sie für das Verständnis von Romanen, Dramen und Gedichten? Sollen wir, wenn wir Jane Austens Roman „Stolz und Vorurteil“ lesen, endlich der brutalen Wahrheit ins Auge sehen, dass Frauen am liebsten reiche Männer heiraten, während Männer bei Frauen vor allem Jugend und Schönheit suchen, wie es Joseph Carroll, der Wortführer der literarischen Darwinisten, herausarbeitet?

Begreifen wir endlich die wahre Bedeutung von Homers „Ilias“ als Epos nackter, sich auf der Brust herumtrommelnder Affen lesen, wofür Jonathan Gottschall wirbt? Müssen wir uns tatsächlich noch, wie der Evolutionspsychologe David Buss, zu der Erkenntnis durchringen, dass „Macht und Liebe durchweg und über alle Kulturen hinweg als die wichtigsten Dimensionen zwischenmenschlichen Verhaltens hervortreten“? Ja, wir sollen. Nicht nur, aber auch – um zu beurteilen, in welchem Maß Figuren sich über die gattungsspezifischen Üblichkeiten erheben und zu Charakteren statt Schablonen werden. Man kann das als Grundlegung zu einer Theorie der literarischen Qualität verstehen.

Die dieser Tage erscheinende und von Jonathan Gottschall und David Sloan Wilson herausgegebene Aufsatzsammlung „The Literary Animal“ (Northwestern University Press, 29,95 USD) ist eine Art Gründungsmanifest der darwinistischen Literaturwissenschaft in Amerika – mit einem Vorwort von Edward O. Wilson und einem Eröffnungsessay des britischen Erzählers Ian McEwan. Schon Wochen vor Erscheinen hatte sich das Magazin der „New York Times“ und der Londoner „Guardian“ damit beschäftigt. David Michelson gab im „eSkeptic“ (www.skeptic.com/eskeptic/) eine Einführung, und William Benzon beschäftigt sich im aktuellen „Entelechy – Mind & Culture“ (www.entelechyjournal.com) damit. Kritik setzt meist da an, wo einzelne Texte interpretiert werden. Solange literarische Darwinisten die Funktion von Dichtung erklären, fällt es leichter, ihnen zu folgen. David Sloan Wilsons These von der „genähnlichen Natur von Geschichten“, angesiedelt in einem Reich der Möglichkeiten, in dem Handlungen risikolos erprobt werden können, ist vielleicht auch gar nicht revolutionär.

Das plötzliche Echo steht jedoch in keinem Verhältnis zur Tradition der literarischen Darwinisten. Fast Joseph Carrolls gesamte Produktion lässt sich von seiner Website (www.umsl.edu/~engjcarr/) herunterladen – darunter ein deutscher Aufsatz, der vor Jahren in Peter M. Hejls „Universalien und Konstruktivismus“ (Suhrkamp) erschien. Hervorgegangen aus einer Biopoetik, die der Kunstanthropologie von Friedrich Schiller bis Arnold Gehlen ein genetisches Fundament einzieht, gehört die Bewegung mit Robert Storeys „Mimesis and the Human Animal“ und Cooke/Turners „Biopoetics“ in den Dunstkreis der third culture, jener von John Brockman zur Marke erhobenen Prägung für einen dritten Weg zwischen Natur- und Kulturwissenschaften.

Gut, dass man auch in Deutschland dem neuen Denken aufgeschlossen gegenübersteht und doch – mittlerweile – alles gelassener sieht. So geht der an Benjamins mystischer Sprachphilosophie geschulte Berliner Komparatist Winfried Menninghaus in „Das Versprechen der Schönheit“ (Suhrkamp 2003) der „sexuellen Genealogie des Schönen“ evolutionstheoretisch auf den Grund – und denkt gar nicht daran, dabei Freud los zu werden. Der Berliner Kunsthistoriker Horst Bredekamp erforscht in „Darwins Korallen“ (Wagenbach 2005) eine naturgeschichtliche Metapher, die gegenüber dem Bild des Lebensbaumes immer das Nachsehen hatte.

Anders als vor 15 Jahren könnte der Münchner Germanist Karl Eibl (www.lrz-muenchen.de/~eibl/), das einheimische mastermind, heute seine Antrittsvorlesung über das dichtende Menschentier halten, ohne dass ihm eine Kollegin nachsagt, „der will uns doch verarschen“. In seinem Buch „Animal Poeta“ (Mentis 2004) sammelt Eibl „Bausteine einer biologischen Kultur- und Literaturtheorie“, die Kunst in einem nichttrivialen Sinn als Mittel zu Lustgewinn und Stressreduktion deuten. Egal, ob er über Horrorvideos nachdenkt oder über die Metapher als Werkzeug, Analogien herzustellen und auch Emotionen als Dinge zu behandeln: Vor einzelnen Textanalysen schreckt er zurück und wagt auch keine Prognose, ob sich aus der biologischen Perspektive einmal eine neue Hermeneutik ergibt. Dafür ist das Fach zu jung: Im Januar leiten Eibl und Rüdiger Zymnek im Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung die erste deutsche Tagung zur „Natur der Kulturen“.

Die größte Gefahr des literarischen Darwinismus dürfte seine Tendenz zu einer rein affirmativen Betrachtungsweise sein: Was ist, scheint sie nahe zu legen, musste evolutionsgeschichtlich so kommen. Damit lässt sich zum Beispiel jeder feministische Einwand gegen einen allzu männlichen Literaturkanon wegwischen. Karl Eibl hat auch andere Bedenken: „Dass das neu erwachte Interesse an Darwin und seiner Lehre mit dem globalen Sieg des Kapitalismus zusammenfällt, ist sicher kein Zufall. Es ist das Prinzip der Konkurrenz, das Darwinismus und Kapitalismus miteinander verknüpft.“

Da springt die reine Evolutionslehre zu kurz. Denn „wir sind“, wie Terry Eagleton in seinem Buch „Was ist Kultur?“ schreibt, „nicht so sehr eine großartige Synthese aus Natur und Kultur, Stofflichkeit und Sinn als vielmehr amphibische Geschöpfe, eingefangen auf dem Sprung zwischen Engel und Untier.“

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