Kultur : Pack schlägt sich, Pack verträgt sich

Ganz aktuell: Molières „Menschenfeind“ in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm

Patrick Wildermann

Selbstverständlich hat der Mann Recht, bloß was nützt es ihm? Alceste, Windmühlenkämpfer wider die Heuchelei und Hauptfigur in Molières „Der Menschenfeind“, ist als kompromissloser Gesellschaftsspiel-Verderber mit ohnmächtigem Scharfblick geschlagen: „Ach, ich könnte speien, wenn ich euch sehe! Diese Kriechereien, und diese Küsschen links und rechts: ‚Ganz ehrlich! Sie sind der Größte! Und so toll gefährlich!’ Wie ich das hasse, dieses Party-Pack. Es ist so glanzvoll wie Metallic-Lack.“ So giftet und gallt der Karrieristen-Hasser in Hans Magnus Enzensbergers kongenialer Nachdichtung dieser menschlichen Komödie, auf die sich Ende der Siebzigerjahre die satte Bonner Republik ihren Reim machen durfte, die aber zeitlos genug ist, um auch in heutigen Berliner Verhältnissen wortmächtig zu erblühen. Martin Woelffer, Direktor der Kudamm-Bühnen, der die Enzensberger-Fassung nun am eigenen Haus mit dem Galgenhumor des Kummergewöhnten inszeniert hat, sieht im Konflikt des Stücks durchaus die eigene Situation gespiegelt – Kompromisslosigkeit und Pochen aufs moralische Recht kann der Theatermacher sich nicht leisten. Es geht schließlich nicht nur um seinen Arbeitsplatz.

Noch immer laufen die Verhandlungen über die Zukunft seiner Theater mit dem Hauseigner, der DB Real Estate, einem Immobilienfonds der Deutschen Bank, der Woelffer zum Ende des Jahres den Mietvertrag gekündigt hat und anstelle der Max-Reinhardt-Bühnen ein Shopping-Center aufziehen will. Es ist der öffentlichen Solidarität – nicht zuletzt von Künstlerkollegen und auch Politikern wie Klaus Wowereit – zu verdanken, dass überhaupt verhandelt wird. Die unsubventionierten Kultureinrichtungen ziehen schließlich in der Konkurrenz um Quadratmeterpreis-Potenz gegenüber jeder Lebensmittelkette den Kürzeren. Beide Seiten haben nun Stillschweigen über den Stand der Dinge vereinbart, doch gibt sich Woelffer verhalten optimistisch: „Es wird auf jeden Fall an diesem Standort weiter Theater geben. Die Frage bleibt, in welcher Größenordnung.“ Ein Komplettumzug in den ersten Stock des Hauses scheint also nicht mehr zur Debatte zu stehen, die Schließung eines der Häuser droht aber weiterhin.

Der Künstler Woelffer kann im Poker um Nettomieten und Theatermythen nur eine Karte ausspielen – die Kunst. Und damit trumpft er auf. Sein „Menschenfeind“, zur umjubelten Premiere vor prominentem Publikum gebracht, ist als Gesellschaftsgroteske famos bissig geraten. Der Regisseur verlegt den Molièreschen Lügenreigen aufs Dach eines heutigen Berliner Party-Lofts, wo es so proseccoselig und scheinheilig zugeht wie im durchschnittlichen Theaterfoyer. Zwischen Schornstein-Graffiti und Taubendreck macht die modisch korrekte Koks-Society ihrer Lästerlaune Luft – freilich auf abschüssigem Grund (Bühne: Anja Wegener). Einzig Alceste – bei Thomas Schendel ein wortgewaltig zürnender, dann wieder anrührend lächerlicher Misanthrop – wettert gegen den Konsens. Ausgerechnet er aber ist in die kokette Célimène (ein großartiges Biest: Adisat Semenitsch) verliebt, die das bussifeuchte Intrigenspiel beherrscht wie keine andere. Gegen so viel blinde Leidenschaft helfen auch die mahnenden Worte seines Freundes Philinte nicht, den Matthias Zahlbaum als hellsichtigen Pragmatiker gibt: Friss oder stirb, trink mit oder geh unter. Woelffer inszeniert den Klassiker mit Verve, lässt Enzensbergers Wortwitz Raum und gönnt sich ein böses Ende.

Es liegt Sarkasmus über dieser Aufführung, aber keine Verzweiflung. Die Situation, sich keinen Flop erlauben zu dürfen, möglicherweise vor dem Aus zu stehen, ist Woelffer vertraut. „Davon lebt Theater“, sagt er mit Süffisanz, „so ging es ja auch Molière. Wenn sein Stück dem Sponsor, in seinem Fall dem König, nicht gefallen hat, dann war er am nächsten Tag weg und musste quer durch die Lande ziehen.“

Bis 5. November täglich außer Montag 20 Uhr, sonntags 18 Uhr.

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