Kultur : Pässe und Passionen

Das Promi-Team des Fernsehkabaretts beim Politischen Aschermittwoch in der Berliner Arena

Thomas Lackmann

„Die Stille ist wieder da“, sagt der Cellist. Er presst die Lippen zusammen, schaut ins Dunkel der Berliner Arena. „Münte hat seinen Rücktritt an Halloween bekannt geben.“ Matthias Deutschmann streicht tiefe Unheilstöne. „Das nenne ich Timing. Das Fest der Untoten!“

Der Mann mit Kniegeige unkt. Seine Zukunftsvision beschreibt den Untergang: Deutschland im WM-Endspiel gegen China, Reich der Mitte gegen Reich der Mittelmäßigkeit. Das Olympiastadion mit 80 000 Mitarbeitern der Bundesagentur für Arbeit besetzt, gespielt wird ohne Ball! „Wir sind eine Fußballnation. Wir haben uns schon in Berrrn in die Völkerrrfamilie zurrrückgeschossen.“ Er rollt den Gröfaz-Sound. „Wir müssen Weltmeister werden, sonst kommt der Aufschwung nie!“ Er lauscht in den Saal. „Ja, die Stimmung hat sich gewandelt. Zeitenwende. Wahrscheinlich werden CDU und SPD fusionieren ...“

Die märkische Nibelungenhalle für den „2. Politischen Aschermittwoch Berlin“ steht am Treptower Spreeufer. Angetreten ist (wenn man die Flachpfeife Norbert Alich ausnimmt) das Promi-Team des TV-Kabaretts. Die Bühne schmückt ein Bild vom Reichstags-Glashaus. Berufsspötter sollen dem lahmen Kehraus-Ritual der Parteipolitiker contra geben. Zunächst sondieren sie Schmerzgrenzen im Auditorium; dafür scheint in Anbetracht der hauptstädtischen Gottlosigkeit ein Blasphemie-Test besonders geeignet.

Die Stärke der scharfzüngigen Helden ist zugleich ihre Schwäche: Sie agieren als Gedächtnis der Nation, erinnern an Versprecher und Versprechungen von vorgestern. Doch abgehangene Monologe – etwa über den Abend der Bundestagswahl – wirken längst altbacken. Außerdem haben die Einzelkämpfer kein Duett in petto, sie beschränken sich auf Solonummern. Arnulf Rating redet der Politikverdrossenheit nach dem Maul und macht als Schwester Hedwig für Sabine Christiansen abgewrackte Talkgäste fit. Er würde gern eine Dopingprobe von Kanzler Kohl anno ’89 untersuchen lassen („Alles ungültig?“) und bezieht die Forderung, man müsse „in diesem Land wieder über Werte reden“ (Peter Hahne), auf Urin-Werte.

Volker Pispers erregt beim anwesenden Lehrkörper Begeisterung, wenn er die Familienministerin als „niedersächsische Zuchtstute“ klassifiziert. Georg Schramm brilliert in seinen Parade-Rollen schräger Alpha-Typen. Als Oberstleutnant referiert er jovial über Demografie und Kriegsbereitschaft in Nordafrika und China („Wir können sie gar nicht so schnell töten, wie sie nachwachsen“). Als Moralist mit Handprothese attackiert er Arbeitgeber und höhnt über Marionetten-Politiker, die sich „bei Beckmann noch an der emotionalen Pissrinne unters Volk mischen“.

Dass es beim Kabarett oder in der Politik um mehr gehen könnte als um die Bedienung des Klientels und seiner Klischees, vielleicht um die Passion skeptischer Weltverbesserung, ist zu Beginn der Passionszeit am bewegendsten bei Dieter Hildebrandt zu spüren. Seine Polemik gegen die rhetorische Verödung des Parlaments beginnt trocken. Dann imitiert er den Rednerpult-Wipper des nichts sagenden Stoiber und den Doppelwipper des seligen Franz Josef, um sich zu einer Rede des auferstandenen Herbert Wehner emporzuschwingen. Er rollt das Kinn, lässt Worte langsam zünden, bombastisch explodieren. „Ich bin nicht nachtragend, aber ich vergesse --- nichts!“ Er bläst sich auf zum Zuchtmeister, fordert eine „Versammlung der besten Köpfe“.

Hommage eines Brettl-Doyen, der seiner Demokratie nachtrauert: „Ich hoffe, das Hohe Haus wird mir meine Leidenschaft verzeihen. Ich hätte Ihnen die Ihre auch gerne verziehen.“ Dann ist sie wieder da, die Stille des politischen Kuhhandels. Alter Hofnarr aufs Altenteil, Junioren zurück ins Fernseh-Kabarett. Ham wa jelacht.

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