Kultur : Palastrevolte im Pavillon

Hammer, Pferd und Bär: Was sieben internationale Künstler von der Spree an die Lagune mitbringen

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MONICA BONVICINI

Sie zeigt Venedig, wo der Hammer hängt. Und zwar im Italienischen Pavillon in den Giardini, gleich am Eingang. Es ist ein Schlagbohrhammer, der bedrohlich über den Köpfen der Besucher kreist. Wenn er sich in Gang setzt, erfüllt ohrenbetäubender Lärm den Raum. In Venedig ist Monica Bonvicini 1965 geboren, 1986 kam sie zum Studium nach Berlin. Und mit dem Hammer hat sie schon häufiger gearbeitet, hat Glasscheiben damit traktiert. Destruktion, Vandalismus, Gewalt und Architektur sind Themen, die Monica Bonvicini immer wieder beschäftigen. Sie baut Rauminstallationen aus Gitterdraht („Stonewall“), schafft Treppen („Stairway to Hell“) und stellt mitten in der Fußgängerzone ein verspiegeltes Klohäuschen auf („don’t miss a sec“). Für Venedig hat sie noch eine zweite Arbeit geschaffen: Ein weißer Betonwürfel („White Cube“) in den Giardini wird während der Biennale ganz langsam geschleift. til

ROBIN RHODE

Er ist der jüngste Kandidat unter den Berliner Künstlern in Venedig – und nennt sich selbst „revolutionärer Zeitgenosse“ oder auch einen „working class Buschkünstler“. Seine Methode ist so simpel wie wirkungsvoll. In guter, alter Straßenkunst-Tradition malt Robin Rhode, 1976 in Kapstadt geboren, mit Kreide Figuren aufs Straßenpflaster oder an die Hauswand: ein Fahrrad, einen LKW, einen Basketballkorb oder ein Spielzeugpferd („Horse“). Diese Zeichnungen werden Schauplätze für Aktionen. Kinder bewegen sich so lange auf ihnen, bis die Kreidestriche vollständig verwischt sind. Das Ganze, in Fotografien festgehalten, bekommt den Reiz eines Kurzfilms. Ein Kinderspiel – und doch nicht nur: ein Bild des zeitgenössischen Südafrika. til

TACITA DEAN

Er ist geflutet worden, um darin Schlauchboot zu fahren, beherbergte chinesische Tonsoldaten und diente Frank Castorf als Kulisse seiner grandiosen Dramatisierung von Döblins „Berlin Alexanderplatz“. Doch kein anderes Kunstwerk ging so respektvoll mit dem Palast der Republik um wie Tacita Deans Zehneinhalb-Minuten-Film „Palast“. Zärtlich streicht die Kamera über die orangerote Fassade des abrissgeweihten Gebäudes, fängt die Sonne auf dem halbblinden Spiegelglas ein und den Schatten des Doms gegenüber. 2004 drehte die britische Künstlerin, die 2000 mit einem DAAD-Stipendium kam und abwechselnd in London und Berlin lebt, ihre Liebeserklärung an einen urbanen Schwebezustand. Nun ist er im Italienischen Pavillon zu sehen. Slow motion, gedreht auf 16 mm, mit ausgetüfteltem Sound und fließenden Kameraschwenks. Die 1965 in Canterbury geborene Künstlerin begann als Malerin, bekannt wurde sie jedoch mit Filmen wie „Disappearance at Sea, I + II“ (1996/97), zwei Arbeiten über Leuchttürme, die ihr 1998 die Nominierung für den Turner-Preis und 2001 eine Solo-Show in der Tate Britain einbrachten, oder „Green Ray“, 2001 für den Preis der Nationalgalerie für junge Kunst nominiert.zaj

DANIEL KNORR

Der eher traditionell orientierte Teil der rumänischen Kunstszene musste hörbar schlucken, als er vom diesjährigen Beitrag ihres Landes auf der Biennale von Venedig erfuhr. Die Arbeit von Daniel Knorr und seinem Kurator Marius Babias besteht nämlich darin, den rumänischen Pavillon völlig leer zu lassen. Das Einzige, was die Besucher in den Tagen nach der Eröffnung mitnehmen konnten, war eine Sammlung mit Texten über Europa, aber die ist inzwischen auch schon vergriffen. Dabei geht es Knorr, 1968 in Bukarest geboren, nicht um den leeren Pavillon, sondern um die Gedanken und Assoziationen, die deshalb beim Betrachter geweckt werden, nach dem Motto: Rumänien, das Armenhaus Europas, kann sich nicht einmal richtige Kunst leisten. Was wiederum kein rumänisches Problem ist, sondern ein Klischee, dem der Westen immer wieder gern aufsitzt, um sich ein bisschen überlegen zu fühlen. Ein Umstand, so Knorr und Babias, auf den durchaus einmal hingewiesen werden darf. Im Übrigen ist Knorr nicht nur Rumäne, er ist auch halber Bayer und Neu-Preuße – aufgewachsen in Weiden und Nürnberg, hat er in München studiert und wohnt nun schon seit etlichen Jahren in Berlin. cle

JAN MANCUSKA

Vier Küstler und fünf Herkunftsorte: Berlin, Bratislava, Brünn, Prag, Vilnius. Die Präsentation im Pavillon der Tschechischen und Slowakischen Republik heißt programmatisch: „Model of the world. Quadrophony“. Aus Prag kommt Jan Mancuska, geboren 1976. Begonnen hat er mit Objets trouvés, mit denen er Hähnchen aus Federbällen und Drahtgeflecht baute. Seit 2004 hat er ein Atelier im Künstlerhaus Bethanien, wo er auch seinen Part der Venedig-Installation entwarf: „The cup“, die Tasse, besteht aus drei Schichten großer, beschrifteter Plexiglasscheiben, die in der Mitte des Raumes von der Decke herabhängen. Sie wirken leicht, in ihnen spiegelt sich je nach Lichteinfall der Himmel, und der Betrachter kann Teile der über die Fläche verstreuten Assoziationen lesen: Aus „Tasse“ wird Tee, Geruch, Form, Schmerz, Kolonialismus oder auch: ästhetische Neuerung. „You never see it all“. mlk

MARK WALLINGER

Der britische Bildhauer und Video-Künstler Mark Wallinger, der 2001 auf Einladung des daad nach Berlin kam und sich seither oft in der Stadt aufhält, hat bereits 2001 den Pavillon von Großbritannien bestückt. In diesem Jahr sieht man im Italienischen Pavillon das Video seiner „Sleeper“-Performance, die er im Oktober in der Neuen Nationalgalerie realisierte. Neun Nächte lang versuchte er, um die Post-MoMA-Leere zu vertreiben, den Bau mit neuem Zauber zu beseelen, und es gelang: Wallinger verkleidete sich als Bär, der wie im Märchen und im tiefen Wald, nur hier und da aus dem Untergeschoss auftaucht, mal zögerlich, mal im tapsigen Laufschritt die Halle durchmisst, sich trollt, mit den Zuschauern draußen Versteck spielt und durch die Scheibe Kontakt sucht. Wallinger als Bär ist ein honigschleckender Puh oder ein verwunschener Prinz aus Schneeweißchen und Rosenrot. So gewinnt in dem nüchternen Glaskasten van der Rohes die Einbildungskraft der Kindheit langsam die Oberhand über den Verkehrslärm und die Hochhausspiegelungen des Potsdamer Platzes. mlk

CANDICE BREITZ

Sie wüten, schreien, schluchzen, die Hollywood-Schauspielerinnen Faye Dunaway, Susan Sarandon, Julia Roberts oder Meryl Streep. Mütter am Rande des Nervenzusammenbruchs. Und sie lächeln, trösten, fluchen: Harvey Keitel, Dustin Hoffman, Kevin Spacey oder Donald Sutherland. Väter bei der Erziehungsarbeit. Zwei Teams lässt die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz in abgedunkelten Räumen per Videoinstallation gegeneinander antreten: ein Mütter- und ein Vätersextett, jeweils zusammengeschnitten aus populären Hollywood-Filmen. Was da, in dieser perfiden Montage, so über Elternschaft gesagt wird, kann erschrecken – oder amüsieren.

Mit der Arbeit „Mother/Father“ ist die 1972 geborene Candice Breitz zu einem der Lieblinge der Biennalebesucher geworden. In Johannesburg aufgewachsen, lebt sie nach Studien in Chicago und New York inzwischen in Berlin. Hier lässt sie in der Arbeit „Alien“ von 2002 Jugendliche aus der Türkei, aus der Ukraine und aus Nigeria, die in Berlin leben, Kampflieder wie „Keine Macht für Niemand“ oder die deutsche Nationalhymne singen – scheinbar allerdings nur. In Wahrheit sind die Videoaufnahmen mit einer anderen Tonspur unterlegt. Gesang, Montage, Rollenspiel: Das gefällt Candice Breitz besonders. Für eine Party nach Abschluss ihres Deutschkurses beim Goethe-Institut lud sie deshalb ganz stilgerecht in eine Karaoke-Bar. til

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