Kultur : Panorama: Freud hätte seine Freude

Kerstin Decker

Fast schon hatte man ihn vergessen. Jean-Jacques Beineix ("Diva", "Betty Blue") wollte keine Filme mehr machen. Höchstens Dokumentarisches. Acht Jahre lang. Lieber verreisen, Klavierspielen lernen und malen. Einen melancholischen Kunstgewerbler nennen ihn manche. Vielleicht ist es gut, dass wir seine Bilder nicht kennen.

Melancholisches Kunstgewerbe. Wunderbar! Kunstgewerbe, das weiß, dass es eines ist und das auch zu erkennen gibt. Ein kleines Fest des zutiefst fragwürdigen Geschmacks.

Michel Durand ist Psychoanalytiker. Ein ritueller Kunstgewerbler der Seele sozusagen. Seine Lieblingspatientin heißt Olga Kubler, und immer wenn sie sich neben Durands Sessel niederlegt, fragt man sich, ob Freud wohl schon mal daran dachte, wie sich die Patientinnen späterer Zeitalter auf die Analyse-Couches flegeln werden. Sind eben sehr obsessive Persönlichkeiten, keineswegs so züchtig wie die Damen des 19. Jahrhunderts. Aber Olga Kubler, die perverse Kleptomanin mit den sado-masochistischen Gewaltphantasien (und zugehöriger Praxis!) konnte Freud wirklich nicht erahnen. Und dann plötzlich hat Michel Durand nicht wie normale Menschen eine Leiche im Keller, sondern nach Analytikerart eine unter der Couch. Es ist Olga Kubler, die perverse Kleptomanin! - Klingt etwas abgeschmackt, nicht wahr? Und wie der Arm der toten Kleptomanin immer wieder unter der Liege hervorschnellt, während Durand schon pflichtbewusst die Geständnisse einer von ihren Schülern zugrundegerichteten Lehrerin entgegennimmt - fast traut man dem eigenen Lachen nicht.

Aber es stimmt, "Mortel Transfert" ist ziemlich lustig. Vielleicht aus purer Notwehr. Weil es zu einem richtigen Suspense-Horror-Analytiker-Thriller dann doch nicht gereicht hat. Doch erkennbar bleibt er bis zuletzt. Jean-Hugues Anglade spielt seinen Analytiker mit zwei neuen Hauptproblemen - 1. Wer hat meine Patientin erwürgt? Etwa ich? 2. Wie bekomme ich meine Sprechstundentote aus der Praxis? - , mit fliegenden Registerwechseln von seriösesem Wissenschaftlerernst und tiefstem Horror bis zum Trash. Beineix kennt zudem keine Scheu, uns auch die erotischen Eigentümlichkeiten perverser Kleptomaninnen im postmortalen Zustand vor Augen zu führen. Auch wenn die Auflösung des Ganzen in einem nur mäßig raffiniert gebundenen psycholanalytischen Großknoten steckt - gut, Monsieur Beineix, dass Sie wieder zurück sind vom Klavierspielen und Bildermalen!

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