Panorama im Überblick : Der Zirkus ist da

Märchen, Missbrauch, queere Liebe: Das Panorama erkundet Familienbande und reist nach Lateinamerika.

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Daniel de Oliveira in "Sangue azul" von Lirio Ferreira.
Daniel de Oliveira in "Sangue azul" von Lirio Ferreira.Foto: Rodrigo Valenca

Rosa von Praunheim ist ein großer Biografien-Forscher. Hatte sich der Berliner Filmemacher zuletzt oft mit der eigenen Geschichte beschäftigt, widmet er sich jetzt einem Lebensweg, der noch ungewöhnlicher ist als sein eigener. Der 1956 geborene Andreas Marquardt war Karate-Europameister, später Zuhälter, Häftling, Fitnessstudiochef und Buchautor. Auf seiner Autobiografie "Härte" baut von Praunheims gleichnamiger Film auf, der Interviews mit gespielten Szenen verbindet und das Panorama Special eröffnet.

Besonders heftig ging es in Marquardts Neuköllner Kindheit zu: Seine Mutter missbrauchte ihn sexuell, der Vater quälte ihn mit sadistischen Aktionen. Das Thema Missbrauch taucht in unterschiedlichen Schattierungen in mehreren der 52 Panoramafilme auf. Besonders aufwühlend die Dokumenatation "Danieův Svět" von Veronika Lišková, die den 25-jährigen tschechischen Studenten Daniel porträtiert. Daniel ist pädophil. Ihn erregen präpubertäre Jungen, worüber er sehr offen und ruhig spricht. Nach einer Phase mit Selbstmordabsichten sucht er Rat bei einem Sexologen und einer Selbsthilfegruppe. Denn er will keinesfalls straffällig werden. Doch was ist mit der Kinderfotocollage an seiner Wand? Liškovás Porträt wirft viele solcher Fragen auf – ein wichtiger Beitrag zur Erhellung eines mit Ablehnung und Vorurteilen belegten Themas. Darin ähnelt der Film einem weiteren Porträt: "El hombre nuevo" von Aldo Garay begleitet die transsexuelle Straßendiva Stefanía durch ihren Alltag in Uruguay und schließlich zurück in ihre Heimat Nicaragua. Dort war sie als Kind Mitglied einer Sandinisten-Gruppe gewesen. Bei der Wiederbegegnung mit der Familie begreift man: Dass Roberto, wie Stefanía damals noch hieß, weggelaufen ist, hatte wohl auch mit seiner schon früh erkennbaren Andersartigkeit zu tun.

Spielfilme aus Lateinamerika bilden einen weiteren Schwerpunkt des Panorama-Programms, das mit "Sangue azul" von Lirio Ferreira eröffnet wird. Der 1965 geborene brasilianische Regisseur erzählt die märchenhafte Geschichte eines Artisten, der mit seinem Zirkus auf seine Heimatinsel zurückkommt und versucht, sich mit seiner Familie auszusöhnen. Ebenfalls in Brasilien spielt "Ausência" von Chico Teixeira, der 2007 bereits mit „A casa de Alice“ zu Gast war. Diesmal steht ein 15-jähriger Junge im Zentrum, der wegen der Alkoholsucht seiner Mutter zu Hause viel Verantwortung übernehmen muss und schließlich davonläuft – zu einem Zirkus. Im Nachbarland Argentinien spielt Juan Schnitmans "El Incendio". Ein Hetero-Paar um die 30 will ein Haus kaufen. Am Tag der Vertragsunterzeichnung kommt ihrem Makler etwas dazwischen. Die beiden kehren nervös mit 100 000 Dollar in bar in ihr Appartement zurück, wo sie plötzlich beginnen, sehr grundsätzlich über ihre Beziehung zu sprechen.

Musikdokumentationen bilden ebenfalls einen Focus des Programms. Es geht unter anderem um Kurt Cobain, Nina Simone und die West-Berliner Szene. Traditionell stark vertreten sind auch queere Themen. Bei den Spielfilmen tauchen sie mit einer gewissen Beiläufigkeit auf: Ob jemand schwul oder lesbisch ist, bestimmt nicht die Handlung, die sexuelle Orientierung der Protagonisten wurde nicht unbedingt zum zentralen Aspekt. So geht es in "How to Win at Checkers (Every Time)" von Josh Kim zwar um zwei junge Männer, die seit ihrer Schulzeit eine Liebesbeziehung verbindet. Allerdings dreht sich die in Bangkok angesiedelte Geschichte vor allem um die Klassenunterschiede zwischen den beiden. In Peter Kerns Gesellschaftssatire "Der letzte Sommer der Reichen" ist die Protagonistin eine lesbische SM-Fetischistin, deren weidlich ins Bild gesetzte Neigung vor allem der Illustration ihrer egomanen Exaltiertheit und ihrer Machtausübungspraxis dient – inklusive der Vergewaltigung einer 16-Jährigen. Tatsächlich ein „Schwulenfilm“, oder besser: ein „Ex-Schwulenfilm“ ist "I Am Michael", mit James Franco in der Titelrolle. Nach der wahren Geschichte von Michael Glatze, der Ende der 90er Queer-Aktivist in San Francisco war und zu einem radikalen Homo-Gegner und Prediger wurde. Damit liegt er auf einer Linie mit den im Bibel Belt lebenden Eltern, die in "Misfits" ihre queeren Kinder verstoßen. Jannik Splidsboels Doku zeigt, wo die jungen Menschen Hilfe finden.

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