Panorama-Premiere : Das Mädchen Mikael

Das Berlinale-"Panorama" eröffnet heute mit „Tomboy“ von Céline Sciamma.

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Was für eine Familie! Der sanfte Vater und die energische Mutter ergänzen sich wunderbar, die Tochter verzaubert jeden mit ihren Zahnlücken, und der zehnjährige Sohn Mikael verfügt über erstaunliche Reife. Sein Vater lässt ihn sogar ans Lenkrad. Nach dem Umzug der Familie findet Mikael sofort neue Freunde. Die Altersgenossen, überwiegend mit Migrationshintergrund, akzeptieren ihn als souveränen Torschützen. Lisa wiederum, das schönste Mädchen aus der Siedlung, verliebt sich in ihn, weil er nicht so ist wie die anderen Jungen.

Wie recht sie hat! Und mehr als sie ahnt. Als Mikael in der Badewanne sitzt, ruft seine Mutter: „Laure, komm raus.“ Laure, ein Mädchenname. Mikael, ein Mädchen. Man kennt die Mädchen-als- Junge-Maskerade aus unzähligen Komödien und ein paar Tragödien wie „Boys Don’t Cry“. Die erst 30-jährige Regisseurin Céline Sciamma hat einen Mittelweg gewählt. „Tomboy“ ist eine leise Komödie mit ernstem Hintergrund. Solange Laure sich geschickt anstellt, freut man sich mit ihr. Sie lernt schnell, wie man verächtlich auf den Boden spuckt, und bevor die Clique sie mit ins Schwimmbad nimmt, näht sie sich ein dickes Stück Knete in die Badehose ein. Ihr Fehler ist, dass sie es mit der Männlichkeit übertreibt. Sie schlägt einen Jungen so brutal, dass dessen Mutter bei Laures Mutter klingelt und eine Entschuldigung verlangt. Von Mikael.

„Tomboy“ ist ein Problemfilm für Kinder, der deshalb nicht nur im Panorama, sondern auch in der Generation Kplus läuft. Er konfrontiert ein minderjähriges Publikum wertfrei mit dem Thema Geschlechterverwirrung. Laures Verstellungskunst wird anerkannt, zugleich macht der Film klar, dass so etwas auf die Dauer nicht gut gehen kann. Kleine Lügen sind erlaubt, Lebenslügen eher nicht. Sciamma, deren Erstling „Water Lilies“ von Mädchenliebe in einem Schwimmverein handelte, verzichtet auch hier wieder auf stilistische Mätzchen. Ihr Zugang ist dokumentarisch, bis zum Abspann erklingt kein Takt Musik.

Merkwürdig abwesend bleibt der Vater. Auch nachdem Laures Maskerade aufgeflogen ist, bleibt es der Mutter überlassen, den Schaden zu begrenzen. Wahrscheinlich will sie ihn vor größeren Nöten bewahren – ein Subtext, durch den der Film auch für Erwachsene an Interesse gewinnt. Frank Noack

Heute 21 Uhr (Cinemaxx 7); 11. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3); 12. 2., 22.30 Uhr (Cubix 7); 17. 2., 16.30 Uhr (HKW 2); 17. 2., 17 Uhr (Cubix 9); 19. 2., 20.15 Uhr (Cinestar 3).

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