Panorama : Teufel im Blut

In seiner Heimat West Virginia nennen sie ihn den "tanzenden Outlaw": Jesco White, den letzten Mountain Dancer aus den Appalachen. "White Lightnin'", Dominic Murphys packender Film über die Legende, läuft auf der Berlinale. Ein Interview.

White Lightnin'
Der "Dancing Outlaw" Jesco White (Edward Hogg). -Foto: Promo

Worum geht es in "White Lightnin'"?



Es ist die düstere Geschichte über einen Mann, der von seinen Dämonen gequält wird. Von einem, physisch und psychisch gezwungen ist, bestimmte Dinge zu tun. Aber zur gleichen Zeit ist in ihm etwas, das diesem Zwang widersteht, und es herrscht ein großer Konflikt in ihm.

Jesco werden im Film drei unterschiedliche Persönlichkeiten zugeschrieben ...

In gewisser Weise stimmt das. Jesco hat eine engels- und eine teufelsgleiche Seite. Und dann gibt es noch seine Show-Seite - auf der Bühne ist er ein bisschen wie Elvis. Im Film gehen wir teilweise auf Jescos multiple Persönlichkeit ein. Aber zur gleichen Zeit soll der Film das schlüssige Psychogramm eines Menschen liefern, der sehr viele widerstreitende Gedanken in seinem Kopf hat.

Zu seinem Vater D Ray hat Jesco eine sehr starke, gespaltene Verbindung ...

Sein Vater ist sehr autoritär, er ist ein "local hero". In gewisser Weise verehrt Jesco seinen Vater. Aber die strikte Disziplin des Vaters bringt in Jesco Schuldgefühle und Selbsthass zum Ausbruch. Das Verhältnis zum Vater wird von einem komplizierten Gefühlsmix bestimmt. Das trifft aber wohl auf die meisten Männer zu.

Der gewaltsame Tod des Vaters ruft in Jesco Rachegefühle hervor ...

Ja, als D Ray im Film ermordet wird, wird Jesco zunehmend von Rachegedanken heimgesucht. Ein Teil seiner Selbst sagt ihm, dass das falsch ist und nirgendwo hinführt, aber ein anderer Teil ist gezwungen, Rache zu nehmen.

In unserer Story verstärkten wir diesen Konflikt ins Extreme, so dass ein Konflikt auf Leben und Tod daraus wurde. Am Ende des Films kann Jesco diesen Konflikt nicht wirklich auflösen. Allerdings überwindet er mit dem, was er am Ende tut, die gesamte Situation.

Seine Frau Cilla gibt ihm Halt ...

Ja, sie ist ein bisschen wie eine Mutter für ihn. Das stimmt mit dem Leben des echten Jesco überein. Seine Frau Norma Jean ist viel älter als er.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Rolle der Cilla mit Carrie Fisher, bekannt geworden als Prinzessin Leia in den alten Star-Wars-Filmen, zu besetzen?

Die Idee ist uns ganz plötzlich gekommen. Ich führte eine Telefonkonferenz mit den Drehbuchautoren und den Casting Directors in L.A. und London. Wir grübelten, welche Schauspielerin im gewünschten Alter wir bekommen konnten - sie musste ungefähr zwanzig Jahre älter sein als Edward Hogg, der die Hauptrolle spielt. Plötzlich fiel mir Carrie Fisher ein, und ich schlug sie in der Runde vor, bereute es aber sofort, weil ich nicht wusste, ob das eine gute Idee war. Die Konstellation war nur schwer vorhersehbar: Carrie ist sehr eigen, hat eine sehr starke Persönlichkeit. Das hätte auch nach hinten losgehen können.

Weil Gefahr bestand, dass sie den Film dominiert?

Ich wusste nicht, was mich erwartete. Ich traf Carrie in L.A.. Sie war interessiert und konnte sich gut in die Rolle hineinversetzen. Carrie ist eine sehr intelligente Frau - sie arbeitet in Hollywood als Script Doctor und schreibt mangelhafte Drehbücher um. Wir waren sehr geschmeichelt, dass sie unser Drehbuch mochte. Und die Zusammenarbeit hat dann auch sehr gut funktioniert.

Musste Hauptdarsteller Edward Hogg für seine Rolle das Mountain Dancing erst lernen?

Ja, und das war eine langwierige Sache. Mountain Dancing ist ein sehr spezieller Tanz - irgendwo zwischen Tap Dancing und Clogging. Jescos Tanzstil ist eine Wissenschaft für sich. Ed musste viele technische Feinheiten und mit mehreren Choreografen arbeiten, das dauerte Monate. Aber letztlich hat er die Kurve gekriegt, als er sich beim Tanzen einfach nur gehen ließ und in die Musik warf und es genoss, genau wie Jesco. Das hat dem Ganzen die Glaubwürdigkeit gegeben.

Wie hat der echte Jesco White auf den Film reagiert?

Er hat ihn noch gar nicht gesehen. Zum Sundance Film Festival im Januar hatten wir gerade mal eine DVD. Jesco hat viel am Drehbuch mitgearbeitet und kennt die Film-Story. Er ist mit den Drehbuchschreibern befreundet und sie sind zu ihm hingefahren, um ihm das Skript zu zeigen. Ich bin sehr gespannt, was er von dem Film denken wird. Ich glaube, er wird ihn lieben.

Der Drehbuchschreiber und Co-Producer Shane Smith hat Jesco mit dem Massenmörder Charles Manson verglichen. Warum?

Ja, Shane hat Jesco beschrieben als "Charles Manson, in den man sich sofort verliebt". Aus dieser Wahrnehmung hat Shane dann den Film-Charakter entwickelt: Jemand, der sehr böse Dinge tun, aber gleichzeitig sehr charismatisch und sympathisch sein kann.

Der Film ist sehr gewalttätig. Mussten die Gewalt so deutlich gezeigt werden?

Das war von vornherein Teil der Story und sollte die extremen Kräfte verdeutlichen, die in Jescos Kopf herrschen. Ob es notwendig war, das so zu zeigen, kann nicht ich entscheiden - das müssen die Zuschauer tun.

White Lightnin'
Regie: Dominic Murphy
Mit: Edward Hogg (Jesco White), Carrie Fisher (Cilla White), Muse Watson (D Ray)
Laufzeit: 90 Minuten
Kinostart: steht noch nicht fest
Die Website zum Film

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben