Kultur : Panorama: Woodstock lebt

Kerstin Decker

Filme als stellvertretendes Leben - das geht in Ordnung. Wer würde sich schon gern meucheln lassen (Krimi!), wer möchte sich öffentlich lächerlich machen (Komödie!)? Kino gibt ein Gefühl von Überlegenheit. Der Zuschauer als Auge Gottes. Aber ein Film anstelle eines Rockkonzerts, nur die stellvertretende Ekstase? Was allein aus dem Live-Moment lebt, nun in der Konserve. Auge Gottes - welch verlorenes Organ auf einem Rockkonzert.

Natürlich, man könnte jetzt eine Aufzählung beginnen. "Lilith fair" in Amerika war schließlich kein Rockfestival wie jedes andere. Die Musikerin Sarah McLachlan hatte vor fünf Jahren eine ziemlich emanzipatorische Idee. Man müsste ein Musikfestival machen, nur mit Frauen. Denn werden die Frauen in der Rockmusik nicht immer noch unterdrückt, auch von ihren Labels? Außerdem könnte man bei der Gelegenheit für die Wohltätigkeit spenden. Amerikanische Rockfestivals machen sowas. Aber Film kann ein unideologisches Medium sein. Alle emanzipatorischen Beweggründe der Welt sind ihm zuletzt schnurzpiepegal. Sarah McLachlin, Sheryl Crow, The Pretenders, The Dixie Chicks, The Indigo Girls, Sandra Bernhard - über fünfzig Musikerinnen in drei Jahren - "Lilith On Top" hat den richtigen Groove, und seine Kamera auch - das macht ihn so wunderbar. Nichts weiter. Woodstock revival. Die Bilder werden musiklöslich (Regie: Lynne Stopkewich). Und niemand schüttet einem Bier über die Hose. Keiner schiebt von hinten. Seien wir ehrlich. Der Blick Gottes hat schon etwas für sich. Wer hat den sonst schon auf einem Rockkonzert?

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