Panorama : Zu weich für dich

Der österreichische Filmemacher Götz Spielmann und sein Film "Revanche".

Daniela Sannwald
Revanche Foto: Promo
Szene aus "Revanche". -Foto: Promo

Der wichtigste Satz dieses dialogarmen Films fällt früh: „Dein Problem ist“, sagt der Bordellbesitzer zu seinem Angestellten Alex, „du bist zu weich.“ Dass dieser Vorwurf in dem für ausländische Ohren gemütlich klingenden Wienerisch vorgebracht wird, betont dessen grenzüberschreitende Infamie: eine Einmischung, gekleidet in kumpelnde Herzlichkeit. Alex’ Chef weiß nichts von dessen Liebesbeziehung zu der ukrainischen Prostituierten Tamara, nur, dass er selbst scharf auf sie ist. „Magst mir einen blasen?“, fragt er die junge Frau und ergänzt „das würd’ mich jetzt sehr freuen“. Sogar Geld steckt er ihr zu – als Hinweis darauf, was er vorhat: Sie soll in einem separaten Apartment arbeiten. Als Tamara nicht auf sein Angebot eingeht, lässt er sie zusammenschlagen, damit sie die Notwendigkeit einsieht, sich unter seinen Schutz zu begeben. Alex begreift und flieht mit ihr. Dass er sie liebt, hat sie längst verstanden, denn er versucht, ihre Sprache zu lernen.

Auf dem Land lebt der Polizist Robert mit seiner Frau Susanne in einer scheinbar harmonischen Ehe. Nur was man von den beiden bereits in der Titelsequenz sah, konterkariert den Eindruck: Da nimmt Susanne in der Küche des Einfamilienhauses einen Kuchen aus dem Ofen, während man durchs Fenster ihren Mann mit dem Rasenmäher vorbeiziehen sieht. Unendlich scheint die Entfernung. „Bei dieser Exposition ging es mir darum, einerseits die vermeintliche Idylle des Landlebens darzustellen und andererseits eine Spannung, ein merkwürdig latentes Unglück“, erklärt der österreichische Filmemacher Götz Spielmann, der 1995 „Die Angst vor der Idylle“ inszenierte und damals schon im Panorama der Berlinale vertreten war. In „Revanche“ werden der Polizist Robert und die Prostituierte Tamara einander begegnen, später dann auch Alex und Susanne.

Im Jahr 2004 machte Spielmann mit dem Beziehungsfilm „Antares“ Furore. Wie jetzt in seinem noch konzentrierteren Film „Revanche“, trieben die Hauptfiguren darin unausweichlich aufeinander zu. Mit Präzision und Nüchternheit protokolliert Spielmann dieses Zusammenprallen von Individuen und sozialen Milieus. „Mich interessiert der Einfluss, den man, ohne das zu wissen, auf andere hat. Gleichzeitig wird man selbst ständig beeinflusst. Ich glaube, das Ego ist eine Illusion. Wir sind Teil eines Netzwerkes. Man hat nicht nur eine Verantwortung für sich selbst, sondern auch für die Welt. Wenn man sich darüber bewusst wäre, richtete man viel weniger an. Aus dieser Bewusstheit heraus müsste jedes Wort, jede Geste sehr viel achtsamer sein.“

Spielmanns neuer Film ist eine ästhetische Umsetzung dieses Mangels an Verantwortung. In stehenden Einstellungen scheint die Kamera einem zufälligen Geschehen zuzuschauen. Dass natürlich jede Szene mit äußerster Präzision geplant und gespielt, jeder Schauplatz sorgfältig gewählt und eingerichtet ist, sieht man der Beiläufigkeit der Inszenierung und der Wahrhaftigkeit der Darsteller nicht an. Fast wundert man sich, dass der Regisseur seine Figuren so unbeteiligt ins Unglück rennen lässt. „Meine Figuren rennen von allein ins Unglück, ich laufe nur mit der Kamera hinterher“, korrigiert er. „Ich glaube ans Leben. Man nimmt von außen beim österreichischen Film immer den Pessimimus wahr. Ich bin ein optimistischer Filmemacher.“ Und wirklich: Trotz allem vorgeführten Elends kommt man glücklicher aus „Revanche“ heraus als man hineingegangen ist. Daniela Sannwald

Heute 19 Uhr (Zoo-Palast); 11. 2., 10.30 Uhr (Cinemaxx), 12. 2., 14 Uhr (International), 17. 2., 22.30 Uhr (Colosseum)

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