Kultur : Papa Techno

Die Berliner Festwochen feiern Karlheinz Stockhausen

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Dass die Berliner Festwochen Karlheinz Stockhausen im Jahre 2002 mit einer Konzertreihe würdigen, darüber hätte sich in den deutschen Avantgarde-Kreisen der siebziger Jahre wohl niemand gewundert. Schließlich befand sich der Komponist damals auf der Höhe eines Ruhms, der von verbliebenen Anfeindungen nur noch etwas pikanter gewürzt wurde: Allein wegen seiner Pioniertätigkeit im legendären Studio für elektronische Musik des WDR in Köln mussten ihn auch diejenigen in ihre Musikgeschichtsbücher eintragen, die seine Werke nicht hören mochten.

Aber wie groß wäre der Schock gewesen, hätte man vorausgesagt, wie der Meister im Prospekt der Festwochen 2002 vorgestellt werden würde: Stockhausen, heißt es da erklärend, sei „der fünfte von links in der obersten Reihe der Berühmtheiten, die auf dem Cover der Sergeant Pepper-LP abgebildet sind“.

Sollte sich die Hommage der Fab Four am Ende als eine visionäre Würdigung für den 1928 geborenen Neutöner erweisen? Möglich wäre es. Denn während Stockhausen eine geringere Rolle im Konzertalltag spielt als etwa seine Altersgenossen Boulez und Ligeti, haben ihn dafür Teile der Pop- und Technoszene als Kultfigur entdeckt: Der „Rolling Stone“ bat Stockhausen gar um Kommentare zu Werken der Popmusik. Manche nennen den Geburtshelfer der elektronischen Musik sogar liebevoll „Papa Techno“.

Eine Einführung in das Werk, dem sich Stockhausen seit den späten Siebzigern fast vollständig verschrieben hat, war bereits Anfang 2002 im Haus der Berliner Festspiele im Rahmen der MaerzMusik zu erleben. Hier gab man „Michaels Jugend“, die ersten drei Szenen aus Stockhausens Musiktheaterzyklus „Licht“. Mehr als viele Hommagen und mehr als die bisweilen esoterisch-orakelnden Selbstaussagen des Meisters bot die Inszenierung einen Zugang zu den Spannungspolen, aus denen sich Stockhausens künstlerische Kraftentladungen speisen. Mit überbordender klanglicher, philosophischer wie szenischer Fantasie überhöht Stockhausen „Licht“ zu einer Privatmythologie. Das mag oft naiv und raunend wirken, in seiner Ideenfülle überwältigen oder in seiner Hybris abstoßen – langweilig ist dieses gewaltige Kunst- und Lebensprojekt in keinem Fall.

Heute wird die Stockhausen-Reihe mit einem neuen Werk unter Leitung des Komponisten eröffnet. Wer sich traut, geht hin. Carsten Niemann

Heute, 20 Uhr, Haus der Festspiele. Fünf weitere Konzerte bis 13. November. Infos: www.festwochen.de oder 030/254 89 100.

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