Kultur : Papa, töte einen Deutschen

Eine Ausstellung analysiert unser Russlandbild

Moritz Gathmann

Dort hinten, am anderen Ende der Pipelines, da lauert der Russ’. Kalt, brutal, berechnend starren die blauen Augen, auf dem Kopf eine mit rotem Stern besetzte Schapka. Das „Spiegel“-Titelbild über den „Staat Gasprom“ stammt vom Oktober 2007 und belegt das Resümee der Ausstellung „Unsere Russen - Unsere Deutschen“: Alte Feindbilder und Klischees aus der Zeit des Kalten Krieges erleben eine Renaissance. Das Cover ist eine Variation des CDU-Wahlplakats von 1953. Damals hieß es: „Alle Wege des Marxismus führen nach Moskau! Darum CDU“.

Das Deutsch-Russische Museum Karlshorst hat gemeinsam mit dem Staatlichen Historischen Museum Moskau „Bilder vom Anderen“ aus 200 Jahren gesammelt: Wie sehen die Russen uns, wie sehen wir Deutschen die Russen?So macht man sich auf den Weg durch die Säle des Charlottenburger Schlosses: von einem Gemälde der Völkerschlacht in Leipzig (als Deutsche und Russen ausnahmsweise gemeinsam kämpften) zum Werbeplakat für den Kräuterlikör „Tatar“, zu den russischen „Lubki“, satirischen Zeichnungen aus dem 19. Jahrhundert über die pedantischen Deutschen, bis zu antisowjetischer Nazipropaganda und antifaschistischer Sowjetpropaganda. Wirklich neu an dieser Ausstellung ist nur die Sicht der Russen auf uns. Besonders interessant: das Bemühen, – sogar noch nach dem Überfall auf die UdSSR 1941 – die zivilisierten Deutschen von den Nazis zu trennen. 1943 allerdings zeigt ein Propagandaplakat einen kleinen Jungen vor seiner toten Mutter und einem brennenden Dorf: „Papa, töte einen Deutschen!“, fleht er.

Besonders die russischen Bilder der Ausstellung sind auf Propaganda beschränkt. In einem autoritären System unterscheidet sich aber das kommunikative Gedächtnis vom offiziellen, sind die Bilder in den Köpfen manchmal sogar Gegenbilder zur Propaganda. So kommt nicht zur Sprache, dass viele Russen, die zur Zwangsarbeit nach Deutschland gebracht wurden, paradoxerweise ein positives Deutschlandbild mit nach Hause nahmen. Diesen Teil der Wahrnehmung gibt es nicht als Bild, deshalb erscheint er nicht in der Ausstellung.

Mit den Reisetagebüchern hat die Ausstellung zwar eine interessante Quelle. Denn besonders im 19. Jahrhundert, als kaum jemand je nach Russland reiste, wurden die Bilder in den Köpfen der Deutschen von den Büchern der wenigen Reisenden geprägt. Aber worin besteht der Sinn eines Buches, wenn man nicht in ihm lesen kann? Man wünscht sich, zumindest wichtige Passagen aus den Büchern lesen oder – mediale Vielfalt täte der Ausstellung gut – hören zu können. Leider liegen die Bücher unter einer Glasscheibe. Musealität in ihrer schlimmsten Ausprägung.

Ein weiteres Problem der Ausstellung liegt darin, wie sie den Russen-Deutsche-Diskurs präsentiert: nämlich chronologisch. Die wichtigere Seite von Diskursen ist aber die inhaltliche. Einen Erkenntnisgewinn gäbe es, wenn der Werdegang der einzelnen Klischees nachgezeichnet würde, also in einem Saal „Der brutale Russe“, im nächsten „Der militaristische Deutsche“. So ist die Ausstellung wie eine schlecht gemachte Zeitungsseite: Es gibt viel zu entdecken, aber das Auge wird nicht gelenkt.

Noch bis 2. März. Schloss Charlottenburg. Infos unter: www.unsererussen.de

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