Kultur : Papa trinkt Bier, Mama ist krank

Daniel Brühl boxt sich durch den Film „Elefantenherz“

Kerstin Decker

Regisseur Züli Aladag konnte nicht wissen, dass er die Hauptrolle mit einem Star besetzt hatte, als er im Frühjahr 2001 anfing, seinen Erstlingsfilm zu drehen. Er wollte Daniel Brühl, weil er ihn aus einem Kölner Café kannte, da war er noch siebzehn. Und dann sah Aladag ihn in zwei Absolventenfilmen, einer war Hans Weingartners „Das weiße Rauschen“. Da hat Aladag gewusst, dass Daniel Brühl der Richtige für ihn war. Einer, der mit dem Kopf durch die Wand will, wie wir alle, dem man das aber auch ansieht. Aladag brauchte einen Boxer. Sieht Daniel Brühl, Alex aus „Good bye, Lenin“, etwa aus wie ein Boxer? Wie einer, der aus blinder Wut zuschlägt und mit eben dieser blinden Wut alle Kämpfe gewinnt? Brühl hat sich dem Kampf gestellt. Nicht, dass man ihm den Boxer nicht glaubt. Und doch gehen die Schläge dieses Films eigentümlich ins Leere. Beinahe geht „Elefantenherz“ k.o. unter der Last seiner eigenen Geschichte. Und nicht nur, weil seine Kampfszenen nichts von der Wut verraten, die er behauptet. Wer auf der Berlinale „Fureur“ von Karim Dridi gesehen hat, weiß, wie „Wut“ zum Ausdruck eines ganzen Films werden kann.

Aber nicht darum geht „Elefantenherz“ zu Boden. Er scheitert daran, dass er sich zu sehr absichern wollte. Dieser Film lässt nichts, aber auch gar nichts offen. Dabei ist es im Kino doch genau wie in der Musik. Die Pausen sind das Wichtigste. Aber „Elefantenherz“ hat keine Leerstellen.

Nicht nur, dass Marko Stemper ein Schulabbrecher ist, als Fensterputzer jobbt, in einem Duisburger Hochhaus wohnen muss und einen arbeitslosen Vater hat, weshalb die ganze Familie von Sozialhilfe lebt. Dieser Vater ist auch noch ein Trinker, Schläger und Familientyrann. Wenn er nicht gerade versucht, sich selbst umzubringen. Jochen Nickel spielt dieses Treibgut des Lebens mit eindrucksvoll geborstenen Planken, und trotzdem: übermotiviert das alles schon im Anfang. Und so geht es weiter. Die Welt des Marko Stemper ist der deutsch-türkische Boxverein S.C. Hochheide, wo er jeden Kampf gewinnt – vielleicht, weil er jedesmal seinen Vater vor sich sieht, wenn er in den Ring steigt. Er schlägt die anderen, also kann er den eigenen Vater schonen. Ganz unlogisch klingt das nicht. Und doch ist Daniel Brühl vielleicht nicht der Richtige für diesen Marko Stemper. Wir wollen ja nicht behaupten, dass es keine sensiblen Boxer gibt. Aber bei Brühl hat noch die Wut etwas Geistiges, er wirkt wie ausgesetzt in dieser Familie, in diesem Hochhaus-Hochheide-Duisburg. Und erst recht in der Duisburger Halbwelt, in die es ihn nun tiefer und tiefer hinabzieht.

In Berlin im Cubix und in der Kulturbrauerei.

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