Kultur : Papa war ein Pascha

Starker Debütfilm: „Die Vaterlosen“

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Heuchlerischer Häuptling. Johannes Krisch als Oberkommunarde. Foto: KGP Produktion
Heuchlerischer Häuptling. Johannes Krisch als Oberkommunarde. Foto: KGP Produktion

Dass sie einst gegen das Patriarchat antraten, heißt nicht, dass die Alt-68er nicht selber irgendwann zu Patriarchen wurden. Hans ist ein typisches Beispiel. Seine Selbstverwirklichung war ihm stets wichtiger als die Kindererziehung, und noch im Alter demonstriert er sein Rebellentum damit, dass er die schütter gewordenen Haare zum Zopf zusammenbindet. Für seinen Sohn Vito (Andreas Kiendl), selber ein Idealist und Träumer, ist er ein bewundertes Vorbild, doch Tochter Mizzi (Emily Cox) nennt ihn schlicht ein „Arschloch“. Selbstgerecht bleibt der Pascha (Johannes Krisch) bis in den Tod. Seine letzten Worte sind eine Beschimpfung. „Du bist feig, willst es allen recht machen“, flüstert er seinem zweiten Sohn Niki (Philipp Hochmair) zu, einem Mediziner, den er verachtet, weil er sich für die Karriere statt für den Kampf gegen Konventionen entschieden hat.

„Die Vaterlosen“, das beeindruckende, schon im Panorama der diesjährigen Berlinale gefeierte Langfilmdebüt der österreichischen Regisseurin Marie Kreutzer, ähnelt einer Familienaufstellung. Nach Hans’ Tod kommen die Angehörigen zum Abschiednehmen in dem Haus in der Steiermark zusammen, in dem er einst eine Hippiekommune um sich versammelt hatte. In dem runtergekommenen Gemäuer scheint noch der anarchische Geist von damals zu hausen, wie im Wiederholungszwang legen die Kinder noch einmal die Ton-Steine-Scherben-Platten der Eltern auf, lassen am Küchentisch, wo einst über freie Liebe diskutiert wurde, den Joint kreisen und beginnen ungeniert, mit den Partnern der Geschwister zu flirten.

Neugierig beobachtet die Kamera den aggressiver werdenden Psychokrieg und schweift zwischendurch über idyllische Sommerwiesen. Aus dem starken Ensemble ragt Andrea Wenzl als Kyra heraus, die mit ihrer Mutter als Kind aus der Kommune verstoßen worden war. Die Seelenhärte, die dieses Trauma bei ihr hinterlassen hat, spielt sie ganz leise aus, etwa wenn sie ihrem Waschlappen von einem Freund beim Spaziergang mitteilt, dass sie vor ein paar Wochen nicht zu einer Geschäftsreise, sondern in die Abtreibungsklinik gefahren ist. Kreutzers Drehbuch neigt zur Überdeutlichkeit, einige der Rückblenden in ausgebleichten Bildern wären verzichtbar gewesen. Am Ende scheint keine Versöhnung möglich, aber immerhin ein Neubeginn. Bei der Beerdigung wirft Kyra ihre Briefe ins Grab, die der Vater nie beantwortete. Dann spielt sie auf dem Akkordeon „Halt dich an deiner Liebe fest“. Christian Schröder

Filmtheater am Friedrichshain, Kant Kino, Moviemento

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