Papier wird Kunst : Rasiert, geschnitten

Die Berliner Galerie Semjon Contemporary zeigt Arbeiten von 30 Künstlern, die Papier als Arbeitsmaterial nutzen.

Von Christiane Meixner
Stefan Thiel: "Studie" (2010), Paper Cut
Stefan Thiel: "Studie" (2010), Paper Cut

Am Ende ist das Papier kaputt. Zerrieben zwischen den Fingern von Li Silberberg. Zu Löchern zerstanzt wie bei Angela Lubic oder per Scherenschnitt in eine Pflanze verwandelt, deren schwarze Blätter Stefan Thiel im Wind zittern lässt. Jedenfalls wirkt es so in der Galerie Semjon Contemporary, die nun zum dritten Mal seit 2014 eine Ausstellung ausschließlich für Papierarbeiten organisiert – diesmal von gut 30 zeitgenössischen Künstlern.

Es gibt alles vom der Soft Sculpture bis zum Mobile

„Penetrating Paper“ heißt die sehenswerte Schau. Sie zeigt nicht allein, wie sich das Material schneiden, falten, durchbohren oder anderweitig malträtieren lässt und dabei immer noch gut aussieht. Sie bringt auch die unterschiedlichen Methoden so zusammen, dass sich ein Gesamtbild ergibt: Papier verliert seine Funktion als reiner „Zeichenträger“ und wird selbst zum kreativen Stoff, den man knüllen (Karina Spechter), mit Ösen zu einer Soft Sculpture verbinden (Ursula Sax) oder in abstrakte Formen bringen kann, die schwebend von der Decke hängen (Klaus Steinmann). Dieter Balzer zerschneidet für seine „Paperflex“-Serie (je 1600 Euro) verschieden- farbige, fluoreszierende Bögen in geometrische Figuren und kombiniert sie miteinander zu höchst fragilen Skulpturen hinter Glas. Ursula Sax, Jahrgang 1935 und als Bildhauerin unter anderem mit der knallgelben Stahlskulptur „Looping“ an der Berliner Avus bekannt geworden, hat für ihr unbetiteltes Relief von 1993 Dutzende Nägel durch den Karton getrieben. Ist er dann noch Bildgrund? Oder doch so untrennbar mit den genagelten Linien verbunden, dass man beides als Einheit begreifen muss?

Diese Frage stellt sich allerdings genauso, wenn Via Lewandowsky für seine raffinierte Arbeit von 2017 vom Papier etwas wegnimmt. Der Künstler zeigt ein schlichtes Stück Raufasertapete, das er mit der Rasierklinge von der Raufaser befreit hat: Die kleinen Schnipsel liegen mit im hölzernen Rahmen und erzählen überhaupt erst die Geschichte dieser absurden Fleißarbeit (1100 Euro).

Der Künstler Via Lewandowsky glättet Raufasertapete

Die Ausstellung wirft solche Gedanken auf und lässt sie stehen. Man staunt über die schier grenzenlosen Möglichkeiten des Umgangs mit Papier, der den feinen Werkstoff in all seinen Facetten – transparent, geschöpft, bedruckt, gefaltet, genäht und wie bei Jürgen Baumann als Fotogrund – testet. Den radikalsten Eingriff leistet sich Gil Shachar: Sein Querformat von 2014 sieht aus wie graues Papier, das man unsacht gefaltet und dann halbwegs glattgestrichen hat. Tatsächlich besteht die Arbeit aus festem Epoxydharz (4200 Euro). Der israelische Künstler hat das ursprüngliche Blatt abgeformt und die Oberfläche mit Grafit bearbeitet. Das Papier ist die verlorene Form - vernichtet für sein Abbild.

Galerie Semjon Contemporary, Schröderstr. 1; bis 22.4., Di–Sa 11–19 Uhr

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