Kultur : Papierkorb auf dem Kopf

Innenansichten aus dem Atelier: die Ausstellung „Zauber des Aktmodells“ im Georg-Kolbe-Museum.

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Kreative Pause. Im Pariser Atelier von J. W. Fehrle, um 1912. Foto: privat/Georg-Kolbe-Museum
Kreative Pause. Im Pariser Atelier von J. W. Fehrle, um 1912. Foto: privat/Georg-Kolbe-Museum

Lange galt die Vorstellung als Tabu, dass den Skulpturen der Bildhauer Menschen aus Fleisch und Blut als Vorbild dienten. Nackte dazu. Das Publikum vermutete Anrüchiges in der Begegnung zwischen Künstler und Modell, nicht immer ganz zu Unrecht, wie die amüsante Ausstellung „Zauber des Aktmodells“ im Berliner Georg-Kolbe-Museum beweist. Werkstatt oder Lotterbett? Oft war die Arbeitssituation der Modelle ernüchternd profan.

Ende des 19. Jahrhunderts durften Studenten der Kunstakademien noch nicht am weiblichen Modell lernen. In der Unterrichtsanstalt des Berliner Kunstgewerbemuseums standen ihnen eigens zu diesem Zweck inszenierte Fotos zur Verfügung, auf denen Frauen mit unterschiedlicher Bekleidung posierten. Da balanciert eine Karyatide einen Papierkorb auf dem Kopf oder eine weibliche Brunnengestalt schultert einen Wasserkrug.

Anders als die staatlichen Hochschulen ließen die privaten Studienateliers, die der Bildhauer Arthur Lewin-Funcke 1901 in der Kantstraße einrichtete, Frauen zur Ausbildung jedoch zu; die Bildhauer durften sogar in gemischten Klassen am Aktstudium teilnehmen. Ein Gutachten des Senats bescheinigte der Polizei die Unbedenklichkeit dieses Unterrichts. Ein Athlet führt Studentinnen und Studenten seinen Bizeps vor; bei den Anatomiestudien herrscht disziplinierte Arbeitsatmosphäre.

Um Kosten zu sparen teilten sich die Künstler mitunter ihre Modelle. Heinrich Zille organisierte „Abendakte“, beschwerte sich allerdings darüber, dass die Maler nicht ihren Obolus entrichteten. Schließlich fotografierte und zeichnete Zille bei befreundeten Bildhauern. Sein scharfer Blick für die Realität holt das Modell vom Sockel und zeigt auch die Lammfellpuschen an den nackten Füßen.

Die Bildhauer Richard Scheibe und Gerhard Marcks standen sich gegenseitig Modell. Schönes Bild: In der Ausstellung kann man sehen, wie sich eine exaltierte Pose von Scheibe in eine federnde Plastik von Marcks verwandelt. Bei Georg Kolbe hingegen herrschte absolute Diskretion. Als der berühmte Tänzer Nijinsky ins Atelier kam, war fotografieren verboten. Immer auf der Suche nach schönen Körpern, wählten die Bildhauer gern gut trainierte Artisten, Sportler oder Tänzerinnen, die lange in schwierigen Posen verharren konnten. Der Akrobat Eberhard Wallor stand für Renée Sintenis, Waldemar Grzimek und Scheibe Modell. Erst als Knabe, dann als heranwachsender „Narziss“, schließlich für Scheibes Ehrenmal für die Opfer des 20.Juli. Quittungen von 1953 belegen seinen Verdienst, sechs Mark für drei Stunden Arbeit.

„Etwas wirklich Gutes macht man doch nur nach einem Modell, in das man ein wenig verliebt ist, ganz wurst, ob das ein Mann oder ein Weib ist“, beschreibt der Schweizer Bildhauer Karl Geiser seine Beziehung zum Modell. Was ihn nicht davon abhielt, buchhalterisch alle Körpermaße zu erfassen, von der Länge der Nase bis zur Breite der Taille. Bei der berühmten Figur „Radfahrer“ von Aristide Maillol war wiederum der Auftraggeber verliebt. Harry Graf Kessler bestellte die Statue 1907 bei dem Bildhauer in Paris, engagierte mit Gaston Colin seinen Geliebten als Aktmodell und stellte zur Bedingung, bei den Sitzungen fotografieren zu dürfen.

Etwa um die gleiche Zeit fotografierte der schwäbische Bildhauer Jakob Wilhelm Fehrle in seinem Pariser Atelier: Im Winter kauerten die Aktmodelle dicht am Ofen, im Sommer entstehen übermütige Bilder vom Künstler, der mit zwei Schönen im Wasser planscht; es gibt auch eindeutig erotische Fotos. Fehrles Figuren leben vom spielerischen Umgang, der Mischung aus Strenge und sinnenfroher Unbekümmertheit. So verbindet die Ausstellung kunsthistorische Ernsthaftigkeit mit voyeuristischen Einblicken und berückenden Anekdoten. Mit der Schau verabschiedet sich Ursel Berger, die langjährige Museumsdirektorin in den Ruhestand. Kenntnisreich und aufgeschlossen für die Ideen jüngerer Kollegen hat sie das Charlottenburger Haus in einen anregenden Kunstort verwandelt. Simone Reber

Bis 10. Februar. Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, Di bis So 10 - 18 Uhr

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