Kultur : Papst im Ring

Potsdam: Laufenberg inszeniert Lessings „Nathan“

Bernhard Schulz

Na gut, an der Akustik muss noch gefeilt werden. Mal rechts, mal links waren dieSchauspieler nur mit Mühe zu verstehen. Als hätte es Intendant Uwe Eric Laufenberg geahnt, ließ er in seiner Inszenierung von „Nathan dem Weisen“ etliche Stellen schreien, brüllen und toben. Das mochte die akustische Verständlichkeit erhöhen, der gedanklichen diente es nicht. Mit Lessings Klassiker wagte sich der Intendant des Hans-Otto-Theaters an einen Olymp, doch zugleich geriet er an den Rand des Stadttheaters. Das dürfte der Spagat sein, den Laufenberg in seinem wunderschönen Neubau am Havelufer bestehen muss. Ein Blick auf die Premierengäste machte es deutlich: eine Mischung aus Potsdamer Stammkundschaft sowie zugezogenem und angereistem West-Berliner Wohlstandsbürgertum.

Konzeptionell hat Laufenberg seinen „Nathan“ erwartbar modernisiert, hat das Gutmenschentum außer dem zu Recht gefeierten Nathan (Günter Junghans) auf Mafioso-Format (Werner Engs Saladin) oder Punkrocker (Hannes Wegeners Tempelherr) verzwergt, den Patriarchen (Andreas Hermann) gar zur Karikatur des greisen Wojtyla-Papstes verzerrt. Durch diesen Abstieg ins Allzumenschliche gerät Nathans solistisch ausgestellte Ringparabel in grellem – göttlichen? – Scheinwerferlicht (Bühne: Gisbert Jäkel) zur erratischen Ausnahme. Die Spiegelung dieser theologischen Kernaussage in die verwickelten Familiengeschichten seiner Protagonisten, die Lessing vornimmt, bleibt dementsprechend unverständlich – zumal Laufenbergs Regie den fünften Aufzug, in dem alles zur Auflösung kommt, kräftig gerupft hat.

Dass sich Nathans goldene Worte im Seelenleben von Saladin und Tempelherr allmählich entfalten, bleibt in Potsdam lediglich aufgesagt, doch nicht aus der Sprache heraus entwickelt. Die Modernisierung geht nach hinten los: beständige Videos von CNN und Al-Dschasira liegen haarscharf daneben, zumal der jetzige Papst mit seinem theologischen Fundamentalwort zum Islam gezeigt hat, worin die wahre Aktualität des Kulturenstreits besteht. Zu viel Hektik auf der Bühne, zu viel bei Castorf oder Schleef abgeguckt, zu wenig Raum für die Schönheit der Lessing’schen Form. Laufenberg muss seinen spürbaren Respekt vor der großen Bühne, seine Angst vor der Bürde des Landeshauptstadttheaters noch überwinden, um zur Leichtigkeit seiner „Potsdam unterwegs“-Vorsaison zurückzufinden.

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