Papstbesuch : Benedikt XVI. – der Mensch und sein Amt

Über den deutschen Papsbesuch wird viel geredet. Denn Benedikt XVI. ist auch unter Gläubigen nicht unumstritten. Zum Thema gibt es nun vier Bücher, zu Wort melden sich Papstgegner, Papstbruder und Papstbrüder.

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Nur 24 Stunden ist er in der Stadt - und Berlin ist schon Wochen vorher in Aufregung versetzt: Papst Benedikt XVI.Weitere Bilder anzeigen
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08.09.2011 14:45Nur 24 Stunden ist er in der Stadt - und Berlin ist schon Wochen vorher in Aufregung versetzt: Papst Benedikt XVI.

Am Donnerstag kommt der deutsche Papst nach Deutschland. Sein Besuch ist alles andere als ein Heimspiel. Das Verhältnis der Deutschen zu „ihrem“ Papst ist abgekühlt, spätestens seitdem so viele Missbrauchsfälle an die Öffentlichkeit gekommen sind. Seine eigene, katholische Kirche in Deutschland befindet sich in einer großen Krise, und das Verhältnis zur Bundeskanzlerin ist auch nicht frei von Spannungen. Ein unüberlegtes Wort, eine schlecht sitzende Geste können den Erfolg der ganzen Reise gefährden. Liest man die Biografie von Andreas Englisch über Benedikt XVI. drängt sich die Befürchtung auf: Es kann eigentlich nur schiefgehen.

Andreas Englisch berichtet seit 24 Jahren als Journalist über den Vatikan aus Rom. Er hat Johannes Paul II. auf allen seinen Reisen begleitet und ist stets an Bord, wenn Benedikts Maschine abhebt; er kennt die Machtkämpfe im Kirchenstaat. Englisch verehrte Johannes Paul II. und macht keinen Hehl aus seiner Enttäuschung über den Nachfolger. Unerbittlich listet der Journalist die Fehler und Pannen in den sechs Jahren Pontifikat von Benedikt XVI. auf. „Es wurde ein Tag, der mich zutiefst enttäuschte“, schreibt Englisch etwa über den 27. Mai 2006. Da präsentierte sich Benedikt in Auschwitz als „Sohn des Volkes“, „über das eine Schar von Verbrechern mit lügnerischen Versprechungen Macht gewonnen hatte“. Englisch findet, der deutsche Papst hätte „die Schuld der Menschen seiner Generation“ einräumen müssen, statt mit einer „Rattenfängertheorie“ zu kommen.

Vier Monate später brachte Benedikt die ganze muslimische Welt gegen sich auf, weil er sich nicht deutlich von einem beleidigenden Zitat distanziert hatte. „Der Mythos des genialen Papstes ging an diesem Tag endgültig unter“, kommentiert Englisch. Aber das war längst nicht alles. Den Warschauer Bischofsstuhl besetzte Benedikt mit einem ehemaligen Spitzel der kommunistischen Geheimpolizei; in Brasilien erklärte er den Indios, dass ihre Vorfahren von sich aus die „Begegnung mit anderen Kulturen“ gesucht hätten und über die Christianisierung froh sein könnten. 2009 folgte die desaströse Annäherung an die Piusbruderschaft und den Holocaustleugner Bischof Williamson. „In der Umgebung des Papstes funktionierte nichts richtig“, folgert Englisch und lässt offen, ob Schlamperei oder fehlendes politisches Gespür dafür verantwortlich sind oder ob führende Kurienkardinäle ihren Chef bewusst demontieren wollen. Ein Grundproblem sei, dass Joseph Ratzinger von Anfang mit dem Papstamt gehadert habe: „Joseph Ratzinger hatte sich sein Leben lang allein in der Studierstube wohlgefühlt. Jeder einzelne seiner Auftritte als Papst schien so, als würde ein Mann gezwungen, etwas zu sein, was er nicht war.“

Dass man „die Grenze zwischen Mensch und Amt ganz deutlich spürt“, bestätigt auch Georg Ratzinger. Die „Wirkung des Heiligen Geistes“ beschränke sich auf seine amtliche Tätigkeit, „als Mensch hat er sich nicht verändert“, sagte er dem Journalisten Michael Hesemann. Von den Schwierigkeiten, Pannen und Fehlern des Pontifikats ist in dem Interviewbuch „Mein Bruder, der Papst“ keine Rede. Hier geht es um die Kindheit, die Professoren-, Bischofs- und Kardinalsjahre des Papstes. Man erfährt, dass sich die Eltern über eine Annonce kennengelernt haben, dass sich der kleine Joseph in einen Teddy im Schaufenster verliebt hatte und wie tief die beiden Ratzinger-Brüder in einer volksfromm-katholischen Welt verwurzelt sind. Ein Bildband von Michael Imhof zeigt Benedikt XVI. als lächelnden, Hände schüttelnden, Kinder segnenden Papst.

Lesen Sie auf Seite 2, warum der Höhepunkt des deutschen Papstbesuchs bereits überschritten ist.

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