Parabel : Im Paradies zählt nur ein Unentschieden

Rugby unter Südseepalmen: Eine wahre Parabel über Sport und Zivilisation.

Michel Serres
Denkender Abenteurer aus Passion: Michel Serres Foto: AFP
Denkender Abenteurer aus Passion: Michel SerresFoto: AFP

Während der Seeschlacht im Pazifik, etwa 1943, hatte ein amerikanischer Flugzeugträger – vom Geschwader isoliert, manövrierunfähig, bis zum Flugdeck voll mit japanischen Torpedos und Meerwasser, ohne Funk, zwei Handbreit vom Schiffbruch entfernt, die Schiffsbesatzung bereit zur Evakuierung im Sirenengeheul – das unglaubliche Glück, auf eine Art Atoll aufzulaufen, das in den Karten nicht verzeichnet war.

Die Matrosen verlassen ihren Schrotthaufen. Sie werden gutmütig von den Eingeborenen empfangen, die in der Vergangenheit zu ihrem Glück wenig von den Weißen gesehen haben. Dann lassen sie sich an den ihnen angewiesenen Plätzen nieder, tauschen Lebensmittel, Kochgeschirr, Arznei, einige nehmen sich Frauen, wie in den guten alten Zeiten. Fast wie bei Bougainville.

Die Zeit vergeht, ihr Schiff mitsamt Besatzung und Ladung wird als verloren gemeldet. Also richten sie sich ein und holen eines schönen Tages diesen Football aus dem Seesack, der so oval ist wie unser Rugbyball. Sie spielen unter der schönen tropischen Sonne. Sie spielen unter den staunenden Augen der Eingeborenen, staunend darüber, wie sich zivilisierte Weiße endlich einmal einer intelligenten Beschäftigung hingeben.

Das konnten sie kaum glauben. Unnötig zu erwähnen, dass besagte Eingeborene nach drei Wochen mit dem Ball genauso gut und besser spielten als die Matrosen, mit nackten Füßen und ohne die Schutzpanzer, die die Eingeborenen Amerikas tragen. Die paradiesischen Zustände hielten an, es gab Spiele und Meisterschaften: monatelang. Aber ach, eines Tages tauchte das Geschwader auf, man musste die Gestade verlassen. Umarmungen, Tränen, Beteuerungen, einander wiederzusehen. Ende des ersten Akts und Ende des Paradieses.

Nach Kriegsende begab sich eine Gruppe Matrosen der ehemaligen Flugzeugträgerbesatzung auf die Suche nach dem verlorenen Atoll. Wie bei Jules Verne. Da sind sie also: unbeschreibliche Begeisterung, alle heulen, zuerst die Frauen. Bald schon zerrt man sie aufs Football-Feld, bittet sie um ein Spiel, zieht sich um. Anstoß.

Die Amerikaner befürchten, bei diesem Spiel zurunde zu gehen. Warum? Weil die Inselbewohner eine klitzekleine Regel geändert haben: Es musste so lange gespielt werden, bis es ein Unentschieden gab. Ein würdevoller Mann erträgt es nicht zu verlieren, und schon gar nicht zu gewinnen. Kampf und Krieg? Einverstanden, aber unter der Bedingung, dass für alle dasselbe auf dem Spiel steht. Und sie konnten wochenlang spielen, bis sie dieses Ergebnis erzielten. Sobald der Gleichstand erreicht war, sprangen alle vor Freude auf und legten sich flugs schlafen. Wie bei Diderot. Mit Mühe dem Zweiten Weltkrieg entronnen, wagten es die Matrosen nicht, die Frage zu stellen: Wer von uns ist zivilisiert?

Am Samstagabend haben die weißen Gazellen aus Agen und die roten Stiere aus Béziers im Parc-des-Princes-Stadion 50 000 Zuschauer und ich schätze einige Millionen andere vor ihren Fernsehgeräten auf die verlorene Insel im hintersten Winkel des Pazifiks mitgenommen. Ich meinte in dem fast abstrakten, in bleiches Licht getauchten, ovalen Betonbau das Atoll, die ganze Insel zu erkennen.

Haben etwa auch wir diese Regel geändert? Wir waren gekommen, lange zu spielen und beim Gleichstand zu verharren. Die größten Schreihälse verstummten, gefesselt von der Schönheit der Spielzüge. Ich weiß nicht, wie lange dieses Hinundhergerissensein gut geht, aber man stellte sich auf diesen wahnsinnigen Rhythmus ein wie die Matrosen auf ihrer Insel, man klopfte seinem roten oder weißen Nachbarn auf den Rücken, man bot einander sogar zu trinken an und war bereit, gemeinsam in Tränen auszubrechen.

Der Frieden schien sich inmitten des Krieges durchzusetzen. Wie bei Aristide Briand. Ja, mit einem Mal glaubte ich, den Einzug der Zivilisation zwischen uns, mitten in unserer dummköpfigen Gesellschaft zu sehen. Ich sah die Roten und die Weißen mit nunmehr rosa verschränkten Armen schon gemeinsam eine Ehrenrunde drehen unter dem Applaus, den die erhabene Größe dieses Schauspiels verdiente. Aber wir haben es mit unserer alten Barbarei gehalten, und durch einen Zufallstreffer gewann eine Farbe. Ich habe vergessen, welche es war.

Die Schönheit betört mehr als der Sieg. Der Sieg kann rau und hässlich sein, denken Sie nur an das Relief „Marseillaise“ am Pariser Triumphbogen: eine grimassierende Fratze. Wir sind zugedröhnt mit Ranglisten und Wettkämpfen, man will uns scheiden in Gewinner und Verlierer. Computer erfassen die Tennisspieler in der ganzen Welt jeden Tag in einer Liste: Sie werden daran zugrunde gehen.

Die Mannschaft aus Agen hat sich, statt verbissen um den Sieg zu ringen, für die Schönheit der Spielzüge entschieden. Darin scheint noch die traditionelle Vornehmheit der Adelssprösslinge aus der Gascogne auf. Dafür spielen sie sich das Herz aus dem Leib.

An diesem Samstag hat Béziers sich von den alten Dämonen der Aufstellung römischer Legionen abgewendet und folgte Agen, ja ging ihnen sogar auf den Wegen der Schönheit voran. Wir verbrachten 110 Minuten in absoluter Fassungslosigkeit. Das wird uns sonst nie geboten. Gleichmütigen Blicks hat die Menge die aufrechte und hohe Haltung Sellas gesehen, die Strategie von Viviès und Delage, das Duell zwischen dem alten Vaquerin und Dubroca. Sie hat zum ersten Mal einen einfachen und erhellenden Text von Jacques Lacan gelesen und, oh Wunder, sie hat das Ende nicht gemocht. Sie fand es tragisch.

Als ich jung war, gab man mir Bücher über den Ursprung der Tragödie zu lesen. Eine schwierige Angelegenheit, denn sie handeln von sehr alten Dingen. Der Ursprung der Tragödie fand eigentlich am Samstag statt. Rot und weiß, und am Ende wieder rot.

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