Kultur : Parade der Idole

ULRICH CLEWING

Irgendwann hat er dann auch noch zusammen mit einem Freund die "Weltgesellschaft für Glück" gegründet.Damals war Thomas Lehnerer, der studierte Theologe und bereits einigermaßen erfolgreiche Bildhauer, gerade mal 32 Jahre alt.Viel Zeit sollte ihm nicht mehr bleiben auf seiner Suche nach den Unterschieden zwischen Fortuna und Glückseligkeit.1992 traten zum ersten Mal Symptome der tückischen Viruserkrankung ALS auf, drei Jahre später starb der gebürtige Münchner 40jährig an einer Lähmung des zentralen Nervensystems.

Die Ausstellung im Georg-Kolbe-Museum ist also eine posthume Würdigung von Lehnerers Schaffen.Gezeigt werden, neben einigen Zeichnungen, jene 74 Kleinplastiken, die der Bildhauer noch zu Lebzeiten für das Ensemble "Figurenkreis" zusammengestellt hatte.Der "Figurenkreis" ist, das hat der Künstler selber so gesehen, sein Hauptwerk und Vermächtnis.

Es besteht aus 59 eigenhändig geformten Bronzestatuetten der Jahre 1989 bis 1994 und darüber hinaus aus fünfzehn Heiligenfiguren, Götzenbildern und Kultobjekten der verschiedensten europäischen und außereuropäischen Kulturen, die Lehnerer auf Flohmärkten und bei Trödlern erstanden hat.

Auf den ersten Blick erscheint Lehnerer als vergleichsweise traditioneller Bildhauer.Sein Generalthema war der Mensch, dessen körperlich-seelische Deformation sowie - als Gegenpol und Sehnsuchtsziel - das Heilsversprechen einer wie auch immer gearteten Religion.Auch legte er großen Wert auf die handwerklichen Aspekte seines Tuns, so als wäre jeder einzelne Fingerabdruck Abbild einer existentiellen Auseinandersetzung mit ewigen Kategorien wie Werden und Vergehen, dem Aufblühen und dem Verfall.In dieser Hinsicht war Lehnerer ein gelehriger Schüler so großer Vorbilder wie Medardo Rosso, Auguste Rodin und vor allen des von ihm hochverehrten Alberto Giacometti.

Die besondere Qualität seiner Arbeit wird deutlich, wenn man sich vor Augen führt, was andere Künstler seiner Generation zur gleichen Zeit beschäftigte.Große Gesten und ebensolche Formate haben Lehnerer nie interessiert.Er fand, was er suchte, in der kleinen Form.Keine seiner Figuren ist größer als 30 Zentimeter, die meisten sind sogar erheblich geringer dimensioniert.Ihrer Ausstrahlung tut das keinen Abbruch, im Gegenteil: In der Variation des Immergleichen liegen eine Kraft und eine Vielfalt, auf die Lehnerer, so kommt es einem vor, ganz gezielt spekulierte.

Durch die akribisch komponierte Anordnung der Statuetten auf einem kreisrunden Sockel entsteht ein ganz eigener Rhythmus, ein archaisch anmutendes An- und Abschwellen von Bedeutung und Sinnzusammenhang.Es ist eine Parade der Idole, eine Universalsprache ohne Worte, die erst in der Gesamtschau wirklich verständlich wird.Ein geschlossenes, und - wie paradox! - gleichzeitig offenes System.Wie eben auch das Glück, nach dem Lehnerer in seiner "Weltgesellschaft" so spielerisch zu fahnden verstand.

Georg-Kolbe-Museum, Sensburger Allee 25, bis 14.Juni.Di.bis So., 10 bis 17 Uhr.Katalog 12 DM.

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