Kultur : Paradies der Schwerter

Steffen Richter

Neukölln hat einen miesen Ruf. Angeblich durchstreifen Jugendgangs die Viertel auf der Suche nach Beute – wie in Detlev Bucks „Knallhart“ auf der Berlinale zu sehen. Und in den Kinosälen, in denen der türkische Irakkrieg-Film „Tal der Wölfe“ läuft, soll der Kampf der Kulturen toben. Ein wahres Schreckensquartier!

Was man sich nicht vorstellen kann: Auch hier leben richtige Schriftsteller. Zum Beispiel Tobias O. Meißner , ein Experimentator mit Erzählstrategien, die er vor allem aus Computerspielen entwickelt. Sie leben aus der Spannung zwischen serieller Struktur und der Abweichung vom Muster. Das kann man in „Neverwake“ oder „Das Paradies der Schwerter“ nachlesen, einer „Geschichte über Kampf, Zufall und das Gegenteil von Nichts“. Kollege Georg Klein – auch der ein Ex-Neuköllner – hält Meißner sogar für einen genuinen Gegenwartsschriftsteller. Denn Zeitgenossenschaft heißt nicht unbedingt Nachrichtenaktualität. Das dürfte auch auf Meißners neuen Roman „Die dunkle Quelle“ (Piper) zutreffen. Er bildet den Auftakt zur Fantasy- Reihe „Im Zeichen des Mammuts“. Darin geht es um den ehemaligen Haudegen Rodraeg, nunmehr ein schlichter Rathausschreiber, den das Schmetterlingsmädchen Naenn mit der Bildung einer ökologischen Einsatztruppe betraut.

Ähnlich gelagert ist Markolf Hoffmanns „Schattenbruch“ (Piper), der dritte Roman aus dem Zyklus „Zeitalter der Wandlung“. Hier ist es die Welt Gharax mit dem Park Schattenbruch und dem Verlies der Schriften, wo weitab von Müsli und Meditation das gestörte Gleichgewicht von Natur und Kultur verhandelt wird. Meißner und Hoffmann lesen heute (21 Uhr) an einem der besten Neuköllner Orte, dem Syndikat (Weisestraße 56), der neuen Fantasy-Hochburg.

Eine ganz andere Art von Fantastik betreibt Jakob Hein in „Herr Jensen steigt aus“ (Piper). Herr Jensen nämlich tut nichts, bekommt Geld dafür und fühlt sich wohl dabei. Der entlassene Briefträger studiert sich in seiner unermesslichen Freizeit durch die Fernsehprogramme und stellt fest, dass er durchs Raster aller sozialen Normen fällt: ohne Arbeit, Freunde, Frau. Nachdem er den Fernseher aus dem Fenster geschmissen hat, geht seine Weltsicht eigene Wege. Um dieser wandelnden Provokation nicht begegnen zu müssen, beschließt die Dame beim „Amt“, Jensens Bezüge dauerhaft und ungekürzt weiterzuzahlen. Das Buch spielt zwar nicht in Neukölln, könnte aber dort angesiedelt sein. Porträtiert es doch eine Arbeitsgesellschaft, der die Arbeit abhanden kommt. Jakob Heins kleiner Roman hat am 22.2. im Brecht-Haus Premiere (Chausseestraße 125, Mitte, 20 Uhr).

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