Kultur : Paradies für Heimwerker

KATRIN BETTINA MÜLLER

Anfangs kann man sich keinen Reim darauf machen.Waagerecht und senkrecht liest man die grün leuchtenden Buchstaben an der Wand und findet kaum bedeutungstragende Kombinationen.Später aber, wenn man eine Zeitlang in den Kreis aus lichtspeichernden Pigmenten gestarrt hat, der wie eine Scheibe vom Mond davor auf dem Boden liegt, entdeckt man plötzlich das Wort "Mond".Und "Empfindung", "Kopf", "Hand", "Paris".Nicht umsonst heißt diese Installation von Stefan Brée "Basisarbeit".Denn zu den Fragen, die ihn beschäftigen, gehört, wie Wahrnehmung gesteuert wird.

Brées Ausstellung in der Galerie von Heidrun Quinque-Wessels, seit Mai 1998 in der Stargader Straße im Prenzlauer Berg, hat viel von einer Werkstatt.Kabel, Mehrfachstecker, Schraubstöcke, Ventilatoren, alte Plattenspieler, Spachtel bündelweise: Was man als Werkzeug kennt, wird zum Material der Inszenierungen.Licht, Wind und Klang: Per Schalter in Bewegung versetzt, führen die Dinge kurze Stücke auf, die den ursprünglichen Funktionszusammenhang umkehren und neu besetzen.Die Behinderung des Gewohnten, das Fehlerhafte und Paradoxe gehören zu den Saiten, die Brée zum Klingen bringen will.Kunstmachen bedeutet für ihn, den Umgang mit Unsicherheiten, Widersprüchlichem und Unbekanntem lustvoll zu bewältigen.

"Von der Morgendämmerung bis zum Mittag auf dem Meer" heißt ein Feld von neun laufenden Plattenspielern, über denen aufgehängte Spachtel kreisen.Man erwartet voll Schreck den Ton, wenn Metall über die Platten schrammt; stattdessen klingen die Zusammenstöße wie Glocken.Die Idee, den empfindlichen Tonträgern mit den Spachtel zu Leibe zu rücken, hat eigentliche etwas Aggressives, Zerstörerisches; doch in Brées Versuchsanlage entsteht daraus ein leichter Tanz der Schatten und klimpernden Klänge.

Noch mehr an ein Paradies für Heimwerker erinnern die im Kreis aufgebauten Schraubstöcke, an denen mit Schraubzwingen Ventilatoren und Lampen angebracht sind.Bei Inbetriebnahme gerät die Konstruktion ins Zittern.Der Gegensatz zwischen dem Aufwand an Technik und Material und den fragilen Bewegungen, nicht zuletzt der im Windhauch klirrenden Spachtel, hat etwas Anrührendes und Komisches.

Schon vor seinem Kunststudium hatte Brée als Erzieher gearbeitet.Zur Zeit beschäftigt er sich bei dem Forschungsprojekt Infans mit der Frage, wie Bildungsprozesse strukturiert sind.Doch von den Effekten sentimentaler Verklärung des kollektiven Tuns oder pädagogischem Bekehrungseifer zur Erweckung unserer verkümmerten Sinne, wie sie oft dort entstehen, wo Künstler sich auf das Feld des Sozialen begeben, sind seine Arbeiten weit entfernt.Zu sehr läßt er sich mitreißen von den Verführungen des Möglichen, vom Umfunktionieren und Verfremden.In der Videoinstallation "Kigo", in die er Mitschnitte aus Kursen mit Erzieherinnen eingespeist hat, werden die Bilder durch kaleidoskopische Spiegel fragmentiert und zum ornamentalen Muster mit eigenartigen Wachstumsenergien.Man erkennt nicht mehr viel und will doch weiterschauen.

Galerie in der Stargader Straße 12a, bis 6.Februar; Donnerstag und Freitag 14.30-18 Uhr, Sonnabend 13-16 Uhr.

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