Kultur : Paradies und Paranoia

Auf der Bühne hat die Zukunft von Ex-Jugoslawien schon begonnen: das 50. Theaterfestival in Novi Sad

Caroline Fetscher

„Willkommen bei der größten europäischen Reality Show!“ Mimica, elegant und sehnig, kurzes Haar, langes Abendkleid, verspricht dem Publikum Unterhaltung ohne Pause. Mit der stählernen Spaß-muss-sein-Stimme, der erpresserischen Emotionalität einer Gala-Moderatorin bringt die Schauspielerin Sanela Pepeljak diese Mimica hervor.

Und so beginnt in dem Drama von Haris Pasovic aus Sarajevo ein furioses Accelerando des Irrsinns. „Aufstand im Nationaltheater“ (Pobuna u Narodnom Pozoristu), das sind sechs erschöpfte Paare und ihre Peiniger, die Showmaster. Im Tanzwettbewerb haben die Teilnehmer am Anfang schon hunderte von Stunden Dauerdrangsal hinter sich. Wer nicht zusammenbricht, wankend auf dem Parkett, dem verspricht die anfeuernde Moderatorin Mimica viel Geld. Hits dröhnen aus den Lautsprechern. Die Zuschauer, zum Mitklatschen ermuntert, erschrecken mehr und mehr vor sich selbst.

In rasendem Tempo schlittert die Show mit ihren Masters und Mitmachern vom Unterhaltungskitsch in eine andere Realität, die ungenannt bleibt. Die jeder versteht. Sie heißt Krieg. Der Krieg sei eine andere Form des Kitsches, eine negative Utopie, sagt Autor und Regisseur Haris Pasovic, der sein Stück mit jungen Schauspielern aus Sarajevo inszeniert hat. Die wissen, wovon sie sprechen. „Ich bin nicht Schauspielerin, um zu lügen“, fällt eine Protagonistin aus der Rolle. So beginnt die Rebellion. Sie rührte viele im Publikum, auch hart gesottene Theaterleute, zu Tränen.

Was verhandelt das zeitgenössische Theater im ehemaligen Jugoslawien anno 2005? Was sind seine Ingredienzen, was ist sein Stoff? Acht Tage Festival in Novi Sad – und eine ebenso banale wie erschütternde Requisitenliste entsteht für das Theater in Zeiten der Transformation. Zigarette, billige Kleidung, bedruckte T-Shirts, Fernsehapparat, der Rollstuhl des Kriegsinvaliden, Mobiltelefon, Barhocker. Theaterstaub rieselt von der Bühnendecke, das Dach scheint morsch und brüchig, als eine Jugendliche in Radmila Vojvodics „Montenegro Blues“ ausruft: „Wir sind Ethno-Jugo-Trash“. Ohne Pathos katapuliert sie die Frage in den Raum. „Wohin gehen wir?“ Kuda idemo? Das Leitmotiv der ex-jugoslawischen Gesellschaft, die in den Künsten ihre Dekonstruktion beginnt.

Im ehemaligen Jugoslawien gehörte das Festival „Sterijino Pozorje“ in Novi Sad, begründet 1956 und benannt nach dem Komödienautor Jovan Sterija Popovic, zu den einflussreichsten kulturellen Institutionen des Landes. Aus allen Teilen der Föderation führte hier die Avantgarde ihre Inszenierungen vor. Mit den Zerfallskriegen der Neunzigerjahre löste sich das „Sterijino“ innerlich auf. Es schrumpfte zu einem gesäuberten, serbisch-nationalen Ereignis. Erst jetzt, unter der Ägide des seit drei Jahren amtierenden künstlerischen Leiters Ivan Medenica, expandiert das Sterijino wieder zu einer Plattform, auf der sich Regisseure und Schauspieler, Bühnenbildner und Dramaturgen von Skopje über Sarajevo bis Ljubljana erneut begegnen, als unabhängige, einander respektierende und inspirierende Kollegen. Eine Utopie in der ehemals multikulturellen nordjugoslawischen Provinz Vojvodina, aus der der berühmte Schriftsteller Aleksandar Tisma stammte.

„Ich will Tradition und Innovation zusammenbringen“, erklärt der 1971 geborene Medenica sein Konzept, „und Serbien aus dem Theaterghetto herausholen, aus der künstlerischen Selbstisolation.“ In diesem Jahr ist das Festival so vielfältig wie lange nicht mehr. In Zeiten von Nationalismus, Regierungskrisen und Arbeitslosigkeit öffnet sich hier ein neuer Raum, in dem die verlorene Moderne wiederentdeckt wird mit Autoren wie Dusan Kovacevic („Die Marathonläufer drehen eine Ehrenrunde“) oder Aleksandar Popovic („Deathly Motorists“, „Der Schweinevater“). Aber auch junge Zeitgenossen treten auf die Bühne.

Bitterschwarz ist die serbische Gesellschaftskomödie „Marathonläufer“. Das Stück von 1973 über den cleveren Totengräberclan der Familie Topalovic, die ihre Särge ausgräbt, wäscht und wiederverkauft, formuliert eine neue Anklage. Die Inszenierung macht vor abgründigem Slapstick nicht Halt, wenn sie die Topalovics ins Heute versetzt. Aleksandar Popovic geht es in den „Deathly Motorists“ um die „kleinen Leute, in denen der Kern von etwas Großem steckt", so Regisseur Egon Savin. Diese kleinen Leute, monströs und anrührend wie bei Ödön von Horváth, irren als Prostituierte, Arbeits- und Obdachlose durch die Kleinstädte, lügen, stehlen, verstecken und feiern sich selbst, vor einem blutroten Bühnenhimmel.

Dagegen packt Jovan Cirilov in makelloser Retro-Ironie, überstilisiert und hyperästhetisiert, mit dem Belgrader Theater „Zentrum für kulturelle Dekontamination“ das Drama „Unversöhnbar“ aus den Dreißigerjahren neu an. Zwischen weißen Lilien, Vasen und Vorhängen spielt sich ein fast lautloses Wahlverwandtschaften-Dilemma bourgeoiser Selbstverliebter ab. Vergiftet von Misstrauen und falscher Höflichkeit, Ennui und Blasiertheit trudeln sie in die Verzweiflung. All das, obwohl ihnen doch nichts mangelt. Das Wiener Burgtheater gastierte beim „Sterijino“ mit einem Stück der im Westen erfolgreichen serbischen Dramatikerin Biljana Srbljanovic, „God Save America“. Auch hier sind Einsamkeit und Kälte das Thema.

Zu den Favoriten des Publikums in Novi Sad, das in der heißen Juniwoche jeden Abend alle Säle randvoll füllte, den feuerpolizeilichen Vorschriften zum Trotz bis auf die Treppen und an die Bühnenränder, gehörte das ausgereifte, präzise und leidenschaftlich gespielte Stück „Der Korridor“ des Slowenen Matjaz Zupanski. Es ist die wilde Karikatur eines Big-Brother-Containers. Slowenien, als erstes ex-jugoslawisches Land angekommen in dem Europa, von dem die anderen hier Träume oder Alpträume haben, stellt andere Fragen, reicht andere Positionen ein. „Wer sind wir, wenn weder Natur noch Gesellschaft uns Identität aufnötigen“, formuliert der Hauptdarsteller Gorazd Logar das im Gespräch am runden Tisch der Kritiker, dem morgendlichen Seminar nach den Vorstellungen vom Vorabend. Angelangt in der kapitalistischen Welt der freiwilligen Selbstvermarktung, wohin geht jetzt die Reise zum Ich und zum Anderen? Unter Technorhythmen und in atemberaubenden Zeitrafferszenen verkörpern die Schauspieler diese Situation, so spielfreudig wie diszipliniert.

Größte und schönste Überraschung in diesem Theater-Panorama der Transformation und Nachkriegszeit ist die ortlose Heiterkeit der Inszenierung „Druga Strana“ („Die andere Seite"): ein Stück des jungen mazedonischen Autors Dejan Dukovski, in der Regie von Slobodan Unkovski am Nationaltheater Skopje entstanden. Vier verlorene Personen auf der Suche nach Liebe, zwei Männer, zwei Frauen, die am Ende doch alle miteinander gestritten, einander geküsst, von sich erzählt und über sich gelogen haben. Sie spielen das mit einer Ehrfurcht gebietenden Mischung aus Distanz und Intensität, die den inneren Horizont öffnet, die Geschlechterschranken ignoriert, die eigene soziale Not zur Nebensache erklärt und das Unglück freundlich auslacht. Gefragt nach dem unwahrscheinlichen Zauber, der Heiterkeit und Trauer des Stückes, wirft Jovica Mihajlovski, der grandiose Darsteller des bisexuellen Lucky, nebenbei ein: „Diese Leute lieben eben das Leben so sehr, dass sie keine Angst vor dem Tod haben.“

Auf seine Weise, schwermütiger und doch mutig, erlöst auch Haris Pasovic aus Sarajevo, der erstmals seit fünfzehn Jahren seine Heimatstadt Novi Sad wieder betrat, das serbische Publikum. Es passiert im zweiten Teil seines „Aufstands im Nationaltheater“. Nach der Weigerung der Gequälten, an der Bosnian-Reality-Show weiter mitzuwirken, entwickelt sich auf der nun leeren Bühne ein Tanz der Überlebenden, die das Dasein feiern. Und einer hält dem Publikum ein Glas entgegen und spricht mit Martin Luther King: „Ich habe einen Traum“, sagt er, „dass eines Tages die Kinder von Kabul und Manhattan miteinander spielen, und die Kinder aus Gaza mit denen aus Brooklyn – und die Kinder von Srebrenica mit den Kindern aus Belgrad.“

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