Paradiesvogel und Moralist : Moritz Rinke erinnert sich an die Gegenwart

Ironische Halbdistanz: Moritz Rinke erinnert sich in seinem neuen Buch an die Gegenwart

Peter von Becker
Moritz Rinke
Moritz RinkeFoto: Mike Wolff

Der erweiterte Kultur-Begriff hat Moritz Rinkes feuilletonistische Zeitungstexte von Anfang an geprägt. So schreibt der 46-jährige Berliner Dramatiker, Romancier und Journalist mit schönster Selbstverständlichkeit über Angela Merkel und Bastian Schweinsteiger, über Finanzskandale, Weltuntergänge, Filmfestivals, Sexmessen, Papstbegräbnisse – oder über sich selber: mit allen, bei allem. Als staunender Beobachter des weltgeschichtlichen Alltags. Seine Aufsatzsammlungen „Der Blauwal im Kirschgarten“ (von 2001) und „Das große Stolpern“ (2005) hießen im Untertitel „Erinnerungen an die Gegenwart“. Genauso nennt Rinke nun sein neues Buch: „Erinnerungen an die Gegenwart“, ohne Untertitel, weil sich die Zeiten, ob Echtzeit oder Endzeit, ob Raumzeit oder Traumzeit, inzwischen weiter beschleunigt haben.

Man könnte Rinke mit einem guten Wort von Peter Handke auch einen "Zeitungsschriftsteller" nennen

Nur diese winzige Lücke zwischen Vergangenheit und Zukunft bleibt dem Zeitzeugen. Dem Erinnerer an die Gegenwart, der hier 60 Essays, Glossen, Reportagen und Kolumnen, die meisten zwischen 2007 und 2013 im Tagesspiegel veröffentlicht, zum Wiederlesen oder zur Erstlektüre versammelt hat. Gute Reporter, die man mit einem Wort von Peter Handke auch „Zeitungsschriftsteller“ nennen kann, suchen wie gute Boxer nicht den Clinch, aber jene Halbdistanz, aus der man selber treffen und auch getroffen werden kann. Moritz Rinke schreibt aus dieser mitunter riskanten, weil auch mal adabeihaft selbstbetroffenen und zugleich wieder souverän treffenden, oft ironisch reflexiven Halbdistanz. Auch unter den Galgenvögeln der Gegenwart bleibt Rinke der Paradiesvogel. Und der unterhaltsamste Moralist. Denn gleich, ob er vom finanzkriminellen „Zumwinkeln“ in den oberen Klassen, von den Abgründen der TV-Branche, dem Wahnsinn der Buchmessen oder von seitenspringenden Ministerpräsidenten handelt, er macht die Szene zum Tribunal. Doch dort gelten die Gesetze der Menschlichen Komödie.

Und wenn Moritz Rinke in Istanbul nur seinen Hochzeitsanzug kaufen will und dabei unverhofft in die Gezi-Park-Revolte gerät, wird der groteske Zufall über jeden Einfall hinweg zum erhellenden, bewegenden Zeugnis. P.v.B.

Moritz Rinke: Erinnerungen an die Gegenwart. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014. 221 Seiten, 9, 30 €.

Der Autor stellt sein Buch am Sa., 5. 4. im Renaissance-Theater Berlin vor (20 Uhr).

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