Kultur : Parallel-Festival zur Berlinale: Das Kino geht über die Dörfer

Tina Heidborn

Filme in den Dörfern vorzuführen: Village Cinema. Auch das Filmfest Zanzibar, ein Forum für Kino aus Ostafrika und den Ländern am Indischen Ozean, versucht mit Touren über die Insel die Bevölkerung zu erreichen. Zanzibar ist nach Ouagadougou, Tunis und Harare das jüngste unter den vier afrikanischen Filmfestivals - und es ist zunächst ein Fest für die einheimische Bevölkerung, die dort Filme sehen kann, die nie in die Kinos des Kontinents kommen.

In diesem Jahr widmet das Haus der Kulturen der Welt seine traditionelle Filmreihe zu Berlinale-Zeiten dem Festival und zeigt vom 9. bis 28. Februar eine Auswahl aus den Spiel- und Kurzfilmen, Dokumentationen und Videos, die auf den bisherigen drei Zanzibar-Festivals gezeigt worden sind. Zanzibar ist zugleich das internationalste der afrikanischen Festivals. Was ist afrikanisch, was ist arabisch - das sei hier vor Afrikas Ostküste im Indischen Ozean einfach nicht zu trennen, ist die Überzeugung der Festivalmacher. Dhows - traditionelle Segelschiffe - verbanden die Menschen Ostafrikas mit den Kulturen Indiens und der arabischen Golfstaaten. Diese Dhows haben die Festivalmacher zu ihrem Leitsymbol erhoben, wenn sie seit 1998 einmal pro Jahr afrikanische, indische und iranische Filme zeigen.

Wie geht es überhaupt mit dem Kino weiter? Mit der Frage - und Sorge - beschäftigen sich viele Regisseure in den verschiedenen Dhow-Ländern derzeit, sagt Doris Hegner, die in Zanzibar die Filme für Berlin ausgesucht hat. Ein verbindendes Thema bei aller Unterschiedlichkeit der Filmtraditionen, ein ähnliches Problem. Dass die indische Filmproduktion in ähnlicher Agonie wie die ostafrikanische liege, wie sie Mahamat Saleh Haroun mit "Bye Bye Africa" (10. / 21. 2.) für den Tschad dokumentiert und mit seinem lebhaften halbdokumentarischen Film zugleich negiert, kann man nun wirklich nicht behaupten. Nur in den USA werden noch mehr Filme pro Jahr als in Indien gedreht. Die Produktionen aus der gigantischen Filmindustrie in Bombay sind entlang der alten Dhow-Routen Exportschlager. Indische Filme sind in den Videoclubs Afrikas und im gesamten arabischen Raum präsent. Nur den Weg in den Westen finden sie äußerst selten, verschrieen als billig-kitschige Musikfilme. Unabhängige Regisseure in Indien aber haben es neben dieser hochkommerzialisierten Filmindustrie schwer. Auch sie sind auf Festivals wie Zanzibar angewiesen, weil ihnen wie ihren afrikanischen Kollegen vor allem die Vertriebswege fehlen.

Im Haus der Kulturen der Welt ist mit "Janmadinam" zum Beispiel ein Werk der Filmemacherin Suma Josson zu sehen: Die Geschichte einer stillen Auflehnung von Mutter und Tochter in einer von Vätern beherrschten Welt, traumwandelnd zwischen Gegenwart und Erinnerung ganz aus der Innenperspektive der Frauen (11. / 15. 2.). Oder auch die von sehr persönlicher Neugier getragene Dokumentation des Regisseurs Pankaj Rishi Kumar über das letzte verbliebene Kino in der kleinen nordindischen Stadt Kalpi, in der Kumars Vater einst das erste Kino gründete. Pankaj Rishi Kumar, der hauptberuflich in der Filmindustrie Bombays arbeitet, kommt am Eröffnungswochende gemeinsam mit dem afrikanischen Regisseur Mahamat-Saleh Haroun zu einer Diskussion über die Kinokultur in Afrika und Asien nach Berlin (10. 2., 17 Uhr), im Anschluss daran sind die Filme der beiden Regisseure zu sehen.

Wie erfolgreich dieses Kino sein kann, wenn man ihm nur ein Forum verschafft, zeigt das Beispiel des Spielfilms "Yellow Card", der die Zanzibar-Retrospektive eröffnet. Vergangenes Jahr in Zimbabwe gedreht, hat der Film beim Zanzibar-Festival 2000 den Publikumspreis gewonnen: Eine Teenagerstory über den 17-jährigen Tiyane, der davon träumt, irgendwann einmal bei Manchester United Fußball zu spielen, und der sich ansonsten mit dem Erwachsenwerden schwer tut. "Yellow Card" ist mit schnellen Bildern und treibendem Soundtrack ein Gute-Laune-Film. Die Geschichte selbst ist nicht außergewöhnlich; schließlich ist Erwachsenwerden überall auf der Welt kompliziert, und überall träumen Jungs von Ruhm und - Mädchen. Doch "Yellow Card" thematisiert mit Selbstverständlichkeit und Leichtigkeit Probleme, die in Afrika dramatisch und alltäglich zugleich sind: Kinderehen, blutige Abtreibungsversuche und Aids. Der Film, in dessen Geschichte afrikanische Jugendliche ihre Lebenswelt wiederfinden, entspricht dem Anliegen der Festivalmacher von Zanzibar. Sie wollen zeigen, dass es Bilder von und aus Afrika gibt, die sich nicht auf die Klischees von Elend und Exotismus beschränken.

Die Gefahr, sich mit ihrer Zanzibar-Retrospektive in hoffnungslose Konkurrenz zur Berlinale zu begeben, sieht man im Haus der Kulturen nicht. "Offensichtlich haben die Leute in Berlinale-Zeiten Lust, auch ganz andere Filme zu sehen", sagt Anna Jacobi vom HdKW. In diesem Jahr handelt es sich um 30 Filme, die sonst nur auf Zanzibar zu sehen sind. Ein umfangreiches Rahmenprogramm stellt darüber hinaus die Kultur Zanzibars in Workshops, Konzerten und einer Fotoausstellung vor.

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