Kultur : Paris liegt an der Spree

Art France Berlin: eine Kunstoffensive der Grande Nation in der deutschen Kapitale

Daniel Völzke

Der Kurator sitzt in seinem Pariser Büro am Schreibtisch und studiert ein Papier. Die Bilder werden nach Berlin abtransportiert und am Bestimmungsort aufgehängt. Die Gäste sind da und schauen sich um. Der französische Maler François Boisrond hält in vier leuchtenden, getupften Bildern die Entstehungsstationen – Konzeption, Transport, Hängung, Vernissage – der Ausstellung „Peintures / Malerei“ fest, die ab heute im Martin-Gropius-Bau zu sehen ist. Diese Leistungsschau französischer Malerei, die das Centre Pompidou gemeinsam mit der Französischen Botschaft und dem staatlichen Kulturvermittler Culturesfrance veranstaltet hat, wirkt wie eine Selbstvergewisserung. Als solle dem Rest der Kunstwelt mitgeteilt werden: Seht her, in Frankreich wird gemalt.

Das Land, das mit dem Impressionismus, Kubismus, Surrealismus, der Art brut die großen Impulse für die moderne Malerei lieferte, blieb in den letzten Jahrzehnten wenig beachtet. Die Markthypes waren mit anderen Zentren verbunden, mit London und seinen Young British Artists etwa in den Neunzigern oder mit Leipzig und Berlin zuletzt. Der in Berlin lebende Sammler Jean Mairet vermutet, dass der Mangel französischer Maler in der internationalen Kunstwelt mit der institutionellen Einbindung in Museen zusammenhängt. Seit den Sechzigern verhindere dies eine freie Entfaltung.

Das soll sich ändern, besonders der französischen Malerei soll wieder mehr Beachtung zuteil werden. Im Pariser Grand Palais und Palais de Tokyo liefen in diesem Jahr bereits zwei große Schauen, die vom französische Premierminister selbst initiiert wurden. Nun wird Frankreich in Berlin vorstellig. „Peintures / Malerei“ ist das Herzstück einer Offensive, die in Anlehnung an das Art Forum Berlin den Titel „Art France Berlin“ trägt. 150 französische Künstler, nicht nur Maler, präsentieren sich an 30 Orten in der Stadt. Bei „Peintures / Malerei“ soll es nicht so ablaufen wie in den staatlichen Pariser Salons um 1860/70, wo avantgardistische Kunst abgelehnt wurde. Monet oder Manet zeigten darauf ihre Bilder in einem Salon der Zurückgewiesenen.

Art France Berlin organisiert seinen Salon des Refusés gleich mit und bezieht Off-Spaces wie das Friedrichshainer Autocenter mit ein, öffnet Ateliers und mit Visite Ma Tente einen Projektraum, in dem sich in Berlin lebende französische Künstler organisieren. Auch Museen wie der Hamburger Bahnhof, die Kunst-Werke oder das Haus am Waldsee, in dem Valérie Favre ausstellt, beteiligen sich. Das Ja zum Off bedeutet kein Nein zum Markt: Berliner Galerien werden Franzosen zeigen, das Art Forum wird einen Schwerpunkt auf die Grande Nation legen. Jean Mairet hat seine Sammlung in den Räumen der Postfuhramt-Pferdeställe in der Auguststraße installiert. Auch die deutsche Künstlerin Maike Frees zeigt hier Bilder und eine Videoinstallation. So eng sieht man bei der Art France das Label „französische Kunst“ nicht – schließlich hat Frees mal in Frankreich gelebt.

Paris liegt damit einige Wochen an der Spree, der deutsche Betrachter darf daheim Strömungen, Tendenzen, Stile des Nachbarn aufspüren. So fällt im Gropius-Bau allerhand Abstraktes auf, die Lust an Strukturen, die sich in filigranen, ausgreifenden Wandarbeiten austobt. Auch ein Hang zu den Bildwelten der Bandes Dessinée, den Comics, fällt auf, etwa bei Erró, Philippe Perrot oder Robert Combas. Heimliche Verwandtschaften zu deutschen Malern sind zu entdecken, den melancholischen Reichen Rauchs, Richters, Meeses.

Laurent Le Bon, Kurator im Centre Pompidou, der Mann, der auf dem Bild Boisronds so geschäftig hinter dem Schreibtisch sitzt, kapitulierte angesichts seiner Aufgabe, im Gropius-Bau einen Querschnitt französischer Malerei der letzten 30 Jahre zu zeigen. Die Schau, die über 70 Arbeiten vor allem aus der Sammlung seines Hauses vereint, soll ohne hehren Anspruch bleiben; wie einst in den Pariser Salons wird präsentiert, wofür der Staat das Geld seiner Bürger ausgibt. Voilà!

Le Bon hätte wohl keinen besseren Ausdruck für diese Bescheidenheit gefunden, als alle Arbeiten beamtenhaft alphabetisch nach den Künstlernamen zu hängen. Auch die Auswahl der Arbeiten aus der 40 000 Werke umfassenden Sammlung orientierte sich häufig lediglich an der Größe der Wände. Diese Index-Lösung nennt Le Bon das „kuratorische Level null“: von A bis Z, eine Wand, ein Künstler, ein Bild. So kommt es zu seltsamen Begegnungen. Da hängen verfeindete Schulen nebeneinander, das malerische Reliefgemälde des ehrwürdigen Pierre Soulages neben einer riesigen, holzschnittartigen Gottesdarstellung des jungen Franck Scruti. Gott schaut auf Soulages Werk und schlägt die Hände über dem Kopf zusammen.

Vom Foyer aus blickend, gleich neben der Kasse, entdeckt der Besucher auf verschiedenen Etagen an die Wand, den Stuck, die Decke geklebtes blaues Papier. Nur aus dieser Perspektive setzen sich die Teile von Felice Varinis Installation zu einem Dreieck zusammen. Endlich fügt sich das eine zum anderen, ein Ganzes entsteht. Da ist der Besucher mit Varini schon beim Buchstaben „V“ angelangt.

Martin-Gropius-Bau, bis 12. November, www.artfranceberlin.de

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