Paris Tableau und Paris Photo : Heißkalte Kunstjäger

Paris Tableau und Paris Photo: Zwei Kunstmessen beweisen die Stärke des französischen Handelsplatzes.

von
Jusepe de Ribera malte im 17. Jahrhundert den Kopf des Märtyrers und Stadtheiligen San Gennaro.
Jusepe de Ribera malte im 17. Jahrhundert den Kopf des Märtyrers und Stadtheiligen San Gennaro.Foto: Galerie Porcini/ Paris Tableau

Am selben Tag rufen die Messen Paris Tableau und Paris Photo zu Vorbesichtigung und Eröffnung – wie um zu dokumentieren, dass die französische Hauptstadt ohne weiteres zwei Hochkaräter nebeneinander verträgt. Und so ist es ja auch. Das eine ist die kleine, feine Altmeistermesse in nobler Innenarchitektur in der Alten Börse, das andere der Großbetrieb mit Messekojen unter dem gewaltigen Glasdach des Grand Palais. Beide Messen unterstreichen die deutlich gewachsene Bedeutung des Kunstmarktplatzes Paris.

26 Galerien finden in der Alten Börse Platz. Diesmal ist erst die vierte Ausgabe der Messe zu sehen, die nach dem traditionellen Salon du dessin im März ein Pendant für Gemälde etablieren will. Offenbar haben die ersten drei Ausgaben der Messe bewiesen, dass auch mitten in der Auktionssaison ein kaufwilliges Publikum anzulocken ist. Paris Tableau bietet Bilder für den Hausgebrauch. Eine Ausnahme ist das riesige Jagdstück von A.-F. Desportes bei der Basler Galerie Jean- François Heim, das bereits zur Eröffnung einen Liebhaber fand. Heim hat zum Ausgleich ein ganz kleines, skizzenhaftes Ölbild im Angebot, typisch Daumier, eine Szene aus dem Pariser Justizpalast um 1860. Grandios, wie Daumier einen winzigen roten Akzent auf der Robe eines der Juristen setzt. 600 000 Euro muss anlegen, wer diese Delikatesse länger als einen Abend lang genießen möchte.

Paris Tableau bietet Bilder für den Hausgebrauch

Damit sind schon die Preisregionen benannt, in die die meisten Galerien mit ihrem jeweiligen Spitzenstück streben. Ein „Junge mit seinem Pferd“ des Nordholländers Jan Claesz von 1618 schlägt bei der Londoner Weisz Gallery, die sich allein auf Porträts spezialisiert, ebenfalls mit 600 000 Euro zu Buche. Die Pariser Galerie Canesso schwelgt ganz in italienischem Cinquecento und Seicento, und das ist ebenfalls nichts mehr für Einsteiger: Luca Giordanos undatiertes, wohl im letzten Drittel des 17. Jahrhunderts geschaffenes Gemälde „Tarquinius und Lucrezia“ zeigt den dramatischen Moment vor der Vergewaltigung, die dann zu Lukrezias Selbstmord führt. Zu haben für 900 000 Euro. Noch ein Drittel mehr wird für Bernardino Licinios „Junge Frau mit Verehrer“ aus der Mitte des 16. Jahrhunderts verlangt. Interessant ist die Provenienz: Einst gehörte das Bild der von Napoleon zur Königin von Neapel gemachten Caroline Murat, die es im Exil zu Geld machen musste.

Apropos Neapel: Von dort kommt die Galerie Porcini, die mit Jusepe de Ribera einen der am dortigen Hofe der spanischen Bourbonen tätigen Maler im Angebot hat, mit dem höchst ungewöhnlichen Sujet des Kopfes des enthaupteten San Gennaro (280 000 Euro). Großformatig und schon verkauft ist die blutrünstige, im Stil von Artemisia Gentileschi gemalte „Enthauptung des Holofernes“ des Neapolitaners Filippo Vitale bei Maurizio Nobile (Bologna/Paris). Thomas Agnew aus London hat eine Architekturvedute des Römers Giovanni Paolo Panini in der Koje, eine große Innenansicht des Pantheons um 1740, für 300 000 Pfund. Charles Beddington, ebenfalls London, hat einen Bernardo Bellotto im Angebot, die Piazza del Popolo in Rom für 1,5 Millionen Euro, und dazu Francesco Guardis „Becken von San Marco mit dem Bucentoro“ für gleich 5,7 Millionen Euro.

Das 19. Jahrhundert, im vergangenen Jahr zahlreich vertreten, spielt diesmal keine Rolle. Nur bei Talabardon & Gautier aus Paris: Eugène Buland stellte auf dem Salon von 1880 die sentimentale „Gabe für Gott“ aus (145 000 Euro), die sich allerdings als durchdachte Anspielung auf die preußische Annexion von Lothringen ein Jahrzehnt zuvor erweist. Kein Wunder, dass der Genremaler Buland mit gleich welchen Sujets höchst erfolgreich war.

Ein "Rayogramm" von Man Ray soll über eine Million Dollar kosten

Mit dem 19. Jahrhundert ist der Bogen zu Paris Photo geschlagen, denn das ist das Jahrhundert, in dem die Fotografie erfunden wurde und bereits zu höchster Höhe gelangte. Hans Kraus (New York) brilliert mit den Altmeistern des Mediums, mit Henry Fox Talbot oder Gustave Le Gray, von dem ein hinreißendes Seepanorama mit der französischen Flotte vor Cherbourg von 1858 zu sehen ist. Das tadellose Blatt, vom Fotografen selbst signiert, soll 175 000 Dollar kosten, und damit ist bereits angedeutet, dass die Fotografie mittlerweile in Höchstpreisregionen angelangt ist. Ein Alfred Stieglitz bei Pace/Mac Gill aus New York („New York from the Shelton“, 1935), ebenfalls ein Klassiker, ist für runde 100 000 Dollar zu haben, und Paul Strands „Blind Woman“ von 1916 ist selbst bei einem Abzug der 1960er Jahre mit 45 000 Dollar ausgezeichnet. Ebenso ein späterer Abzug ist André Kertesz’ Pariser Blumenverkäufer von 1928, der Preis: 44 000 Euro. Dass ein Vintage print des berühmten „Jungen mit Handgranate“ von Diane Airbus bei Howard Greenberg (New York) auf 500 000 Dollar gerundet wird, und dass die Berliner Kicken Galerie für ihren sensationellen, riesigen Man Ray seines „Projekts für eine Tapisserie“ von 1938 plus zugehörigem „Rayogramm“ 1,3 Millionen angibt, zeigt die Entwicklung.

Paris Photo, mit 143 Galerien aus 35 Ländern, ist wahrlich international und versucht stets, den Spagat zwischen den Kontinenten, zwischen klassischer und zeitgenössischer Fotografie, Schwarzweiß und Farbe sowie – dies vor allem – zwischen Spitzenpreisen und Einsteigerangeboten zu halten. Fast beschwörend erklärt denn auch der umtriebige Messedirektor Julien Frydman, es gebe „Sachen zwischen ein- und fünftausend Euro und viele Objekte zwischen fünf- und zehntausend.“ Anders ausgedrückt: Unter vierstellig geht gar nichts. Und der Sog nach oben ist unverändert stark.

Die zeitgenössische Fotografie ist immer noch für große Formate gut, wenn auch nicht mehr so dominierend wie vor wenigen Jahren. Candida Höfers Großaufnahme aus der römischen Villa Borghese ist auf 52 000 Euro festgelegt, übrigens eine Sechser-Auflage; wie man überhaupt bei der Gegenwartsfotografie auf die Zahl der Abzüge schauen muss. Dieter Appelts 27-teilige Arbeit „Das Feld“ beispielsweise ist nur dreimal aufgelegt worden und steht bei Françoise Paviot (Paris) mit 80 000 Euro zum Verkauf. Ein weiterer Berliner Fotograf ist bei Eric Franck (London) zu sehen: der LichtHeinz Hajek-Halke, dessen Portfolio von 1978 (Auflage 28) für 32 500 Euro bereits einen Liebhaber gefunden hat.

Dass Paris parallel zur Messe mit Fotoausstellungen en masse aufwartet, belegt nur, wie ernst dieses Medium genommen wird. Das haben auch die Auktionshäuser erkannt: Sotheby’s wirbt in Paris für seine New Yorker Dezemberauktion. Spitzenlos: Ein Originalabzug von August Sanders „Maurergeselle“ von 1927, geschätzt auf 500 000 Dollar. Wow!

Paris, Alte Börse und Grand Palais, bis Sonntag, 15. November – www.paristableau.com / www.parisphoto.com

0 Kommentare

Neuester Kommentar