Kultur : Pariser Buchsalon: Der Charme der Teutonen

Jörg von Uthmann

Aufgeräumt und gesprächig steht der Dichter in der alten Nationalbibliothek an der Rue de Richelieu und nimmt die Huldigungen seiner Bewunderer entgegen. Der Champagner fließt in Strömen, und Günter Grass lässt sich anstandslos mit einer Flasche der noblen Marke ablichten, die den Empfang bezahlt hat. Für die Lesung aus "Mein Jahrhundert" hat Bibliotheksdirektor Angrémy einen der schönsten Räume in Paris zur Verfügung gestellt - den kuppelüberwölbten, seit Jahren geschlossenen Lesesaal. Als er zur Laudatio des Ehrengastes anhebt, stellt sich allerdings heraus, dass der Rahmen, der einst die stille Lektüre beflügelte, für öffentliche Lesungen gänzlich ungeeignet ist: In dem riesigen, jetzt bücherlosen Rund verhallt die Stimme des Dichters wie in einer Kathedrale.

Dennoch kann Grass mit dem Empfang, den ihm Paris bereitet, zufrieden sein. Neben dem 31. Band von "Astérix" ist er der Star des Buchsalons, der dieses Jahr im Zeichen Deutschlands steht. Unter den fast 60 angereisten deutschen Autoren ist er auch der älteste - wenn wir den Übersetzer Karl Dedecius und den Altkanzler Helmut Schmidt beiseite lassen, der die französische Übersetzung seines letzten Buches vorstellt. Bei der Auswahl der Schriftsteller, die zur Hälfte von französischen Verlegern, zur Hälfte vom Börsenverein benannt wurden, legte die deutsche Seite großen Wert darauf, sich von ihrer jugendlichen Seite zu zeigen und die Berliner Szene in den Vordergrund zu rücken. Techno-Nächte in der Banlieue sollen den Parisern beweisen, dass sich die Berliner in der Kunst, erst bei Sonnenaufgang ins Bett zu gehen, von niemandem übertreffen lassen. Die Benjamine unter den Autoren sind noch sehr jung: Benjamin von Stuckrad-Barre ist 25, Benjamin Lebert gar erst 19. Was die Frauen angeht, spricht die Ausstellungs- und Messe-GmbH von einem "neuen Typ, verführerisch, charmant, dem Glück zugewandt".

Die französische Presse hat das Bild von den "neuen Deutschen" gern aufgegriffen. Das Wochenmagazin "Le Point" erinnert seine Leser daran, dass die alten Klischees nicht mehr stimmen: Man könne in Deuschland gut essen ("nicht nur in italienischen Restaurants"), die deutschen Züge seien meist unpünktlich, und die Deutschen arbeiteten weniger als die Franzosen. Die Gewalt gegen Ausländer - ein Thema, das beim nächsten deutsch-französischen Gipfel in Freiburg auf der Tagesordnung steht - sei zwar angestiegen, doch handle es sich um ein Randphänomen. Andere Zeitungen sprechen von einer (kursiv:) Allemagne décomplexée, einem entkrampften Verhältnis zur eigenen Geschichte. Dass nicht alle deutschen Frauen feiste Trampel sind, die über Küche und Kinder wachen, hat sich schon seit längerem herumgesprochen. Das Eigenlob der Berliner Szene nimmt man dagegen mit einer Prise Salz zur Kenntnis: "Die Stadt versichert jedem, der es hören will, sie sei die neue Kapitale der Literatur", schreibt "Le Monde"."Die Dichte von Schriftstellern pro Quadratmeter ist aber noch keine Garantie für Qualität, und oft genug wird X-beliebiges veröffentlicht, nur weil es in Berlin spielt." Die in Paris lebende, französisch schreibende Offenbacherin Anne Weber, die als einziger deutscher Gast des Buchsalons zu Bernard Pivots literarischem Sextett "Bouillon de culture" eingeladen wurde, tut die Berliner Szene als Medienprodukt ab, das sie nichts angehe.

Auch in der Darstellung der deutschen Gegenwartsliteratur lässt sich die französische Presse nicht vom Börsenverein an die Hand nehmen. Bernhard Schlink, Botho Strauss, Marcel Reich-Ranicki, W.G.Sebald, Sten Nadolny, Siegfried Lenz, Martin Walser, Hanns-Josef Ortheil - keiner von ihnen ist am deutschen Stand zu finden, doch werden die neuen Übersetzungen ihrer Bücher ausführlich gewürdigt. Unter den nach Paris gereisten Autoren gibt man den gestandenen - Christoph Hein, Volker Braun, Michael Krüger, Peter Schneider - den Vorzug. Unter den Jüngeren werden Ingo Schulze, Michael Kumpfmüller, Judith Hermann, Karen Duve und die in Südfrankreich lebende Birgit Vanderbeke am häufigsten genannt. Inka Pareis "Schattenboxerin" vergleicht der "Express" mit Michel Houellebecq.

Im Gegensatz zur Frankfurter Buchmesse wendet sich der Salon du Livre nur nebenbei an die Profis vom Fach und hauptsächlich an das lesefreudige Publikum. 300 000 Besucher werden erwartet. Der deutsche Stand findet lebhaften Zuspruch, die Gesprächsrunden mit Schriftstellern sind gut besucht. Eine ist den in der Türkei geborenen Autoren gewidmet, eine andere jüdischen Autoren, die deutsche Bücher schreiben. Der in Kiel lebende Feridun Zaimoglu, der in "Kanaksprak" das deutsch-türkische Mischidiom persiflierte, bekennt sein "libidinöses Verhältnis zur deutschen Sprache", gesteht aber zugleich: "Heimat - keine Ahnung, wo sie ist." Auch der russische Jude Wladimir Kaminer, der in Berlin eine Diskothek betreibt, wo er - in der "Arbeitssprache" Deutsch - seine Geschichten zum besten gibt, hält wenig von einer nationalen oder religiösen Identitätssuche. Er habe, bescheidet er seine Glaubensgenossin Barbara Honigmann, die deutsch schreibt, aber nicht in Deutschland leben möchte, auf dem Prenzlauer Berg eine neue Heimat gefunden: "Heimat ist schön, aber deshalb braucht man nicht gleich hysterisch zu werden."

Über dem Champagner und den Dichterlesungen vergessen die Franzosen aber nicht die hohe Politik. Lionel Jospin, zu dem Gerhard Schröder geeilt ist, nachdem er mit Jacques Chirac die Buchreihen abgeschritten hat, betont, Frankreich und Deutschland seien brüderlich vereint im Kampf gegen die Brüsseler Anschläge auf die Preisbindung der Bücher. Die beiden Länder, setzt er hinzu, müssten sich auch gegen das "uniforme Modell einer von den Angelsachsen beherrschten Kultur" wehren und mehr für die "sprachliche Vielfalt" Europas tun.

Das hat man schon öfter gehört, doch in der Praxis hat keine der beiden Regierungen je etwas Ernsthaftes unternommen, um den Verfall des Deutsch- und Französisch-Unterrichts in den Schulen der beiden Länder aufzuhalten. Man kann nur hoffen, dass die Wirkung des Buchsalons für die deutschen Autoren länger vorhält als die frommen Wünsche der Politiker.

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