Kultur : Pariser Stadtneurosen - Frauen sind umwerfend, aber auch sehr gefährlich

Silvia Hallensleben

Manchmal hat man das Gefühl, bei bestimmten französischen Filmen an einem grossen Familientreffen teilzuhaben. Haben wir die Schauspielerin Sandrine Kiberlain nicht erst vor kurzem in einer Rolle, gesehen, die nicht gerade identisch war, aber doch ähnlich genug, um sie in der Erinnerung verschmelzen zu lassen? Wohnungen und Cafés sowieso, doch auch Regisseur Pascal Bonitzer ist ein alter Bekannter. Im Dreierteam hat er an fast allen Filmen Jaques Rivettes mitgeschrieben und an vielen von André Techin. "Rien sur Robert" ist nach "Encore" seine zweite eigene Regiearbeit. Michel Piccoli und Bernadette Lafont grüssen als Papa und Mama aus einer sonst leider größtenteils verstorbenen Welt. Und einen "französischen Woody Allen", haben wir den nicht gerade vor ein paar Monaten schon einmal gesehen? Damals wurde er gespielt von dem Schauspieler Denis Podalydes, der nun hier, in "Rien sur Robert" in einer Nebenrolle als Freund und Buchhändler auftauchen darf.

Von Stadtneurotikern jedmöglicher Provenienz wimmelt es nur so in der Filmberichterstattung. Hier ist wirklich einer, auch weil ihn Fabrice Luchini eine Portion intellektueller und seriöser gibt als es Podalydes in "Dieu seul me voit" tat. Die Sympathien der Filmkritiker hat Didier, wie er heisst, sowieso, schon allein deshalb, weil er selbst einer ist. Und ein schwarzes Schaf seines Standes dazu. Dass Didier einen bösen Verriss mit Faschismusvorwurf über einen serbischen Film - oder war er doch bosnisch? - geschrieben hat, den er überhaupt nie gesehen hatte, ist ein dialogischer running gag des Films. So etwas peinigt. Außerdem hat Didier Probleme mit seiner Freundin Juliette (Kiberlain), die lauthals in aller Café-Öffentlichkeit die analen und anderen Genüsse herunterdeklamiert, die Didier ihr nicht, ihr neuer Lover - ein Fernsehregisseur (!) - ihr aber durchaus geben kann. Lieben tut sie Didier selbstverständlich trotzdem. Dessen Demütigung schreitet voran, als er zu einem festlichen Abendessen geladen wird, wo er dann weder erwartet noch erwünscht ist und nach seinem vorschnellen Abgang vom Hausherr just in dem Moment ertappt wird, als dessen Stieftochter vor ihm das Kleid hebt. Die Couch lässt grüssen. Und spätestens hier wird klar, dass dieser Film trotz manch realistischer Einsprengsel vor allem eins ist: Eine filmgewordene und mit psychoanalytischer Verweislust in Szene gesetzte Fantasie, die manchmal Wunscherfüllung, öfter aber Strafe inszeniert. Für einen echten Stadtneurotiker ja die angemessene Umgebung.

Auch das Doppel der Frauenfiguren, die sich verweigernde Blondine und die dunkle Nymphomanin, lässt sich so gut verstehen. Doch wenn Bonitzer den Charakter Aurlies, der Dunklen (Valentina Cervi), mit dem Verweis auf Deleuze als einen Typus von Frau beschreibt, die "zwar umwerfend ist, doch äußerst gefährlich, weil sie in einem Traum lebt", scheint hier doch eine klassische Projektion des Autors auf eine der von ihm entworfenen Figuren vorzuliegen.

Alle drei, Didier, Juliette und Aurlie, tapsen durch das sich entfaltende Labyrinth der Paarungen und Trennungen wie ratlose Labormäuse. Niemand hier kann oder will sich entscheiden: Didier nicht zwischen den beiden Frauen. Juliette und Aurlie spielen das Spiel von Attraktion und Verweigerung, die bei Juiliette immer auch Entfernung heisst. Kaum ist sie da, ist sie auch schon wieder verschwunden. Ankünfte und Abschiede, Jas und Neins folgen in wildem Wechsel. Eine doppelte Hölle, wie es Didiers Alter-Ego und Konkurrent Jrme, nennt, wo die Frauen immer entweder hinterher- oder wegrennen.

Mir persönlich hat in diesem Film am besten eine große Spinne gefallen, die eine echte Innovation im französischen Kino sein dürfte. Und eine lange Zugfahrt. "Nicht sein, sondern tun", solle er, wird Didier vorgeworfen. Aber was? Und ob ihm das was nützt? "Ich kann ihn nicht ausstehen" sagt Juliette zu Didier am Schluss und meint damit den anderen - Jerme - und dann steigt sie doch zu dem ins Auto, um mit ihm nach Florenz zu fahren.

Eigentlich sollte "Rien sur Robert" schon vor einigen Monaten in den regulären Verleih kommen. Doch den T.I.M.E.-Verleih, der damals den Film herausbringen wollte, gibt es so nicht mehr, er ist pleite gegangen. Deshalb hat sich das fsk-Kino jetzt den Film bei den Rechteverwertern besorgt, die Filmbühne am Steinplatz zeigt eine Schweizer Kopie. So lobenswert solche Initiativen sind: Auf die Verleihsituation in Deutschland wirft ihre Notwendigkeit ein düsteres Licht.Filmbühne am Steinplatz (OmU)

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