Kultur : Parkanlagen: Landschaft für die Ewigkeit

Wolf Jobst Siedler

Die Garten- und Parklandschaften Berlins und Potsdams sind nicht wirklich in das Bewusstsein der Stadt getreten. Obwohl sie zu den "schönsten und und größten Gartenlandschaften Europas" gehören, wie das "Welterbekomitee" der Unesco festgestellt hat. Aber Gärten und Parks gelten als bloßer Annex von Schlössern, man ergeht sich in ihnen, aber man nimmt sie nicht wirklich als Bestandteil einer Kulturlandschaft wahr.

Wer sieht zum Beispiel in dem Park des Schlosses Caputh mit seinen - nur noch rudimentär vorhandenen - Rasen- und Blumenparterres, den Wasserspielen und Skulpturen, die der Große Kurfürst für seine Gemahlin Dorothea anlegen ließ, den einzigen erhaltenen Teil der preußischen Kultur des späten 17. Jahrhunderts? Die Pfaueninsel ist zwar ein beliebtes Ausflugsziel der Berliner, aber wer empfindet beim Wandern über seine Wiesenlandschaft, das hier eines der wenigen Dokumente der Gartenkultur zwischen dem friderizianischem Rokoko und der klassizistischen Welt Schinkels überkommen ist? Der Nachkomme des großen Preußenkönigs, der intellektuell höchst interessante Lotterjan Friedrich Wilhelm II., ließ ganz im Geiste jener Zeit zwischen dem Barock und dem Klassizismus dieses Ruinenschlössschen auf der Pfaueninsel aufführen, dessen Räume wahrscheinlich die kostbarste Hinterlassenschaft dieser historischen Zwischenzeit sind.

Vom Berliner Stadtschloss Schlüters und dem Schloss Monbijou Eosander von Göthes ist so wenig geblieben (obwohl sie nach dem Krieg weniger ruinenhaft waren als das Schloss Charlottenburg) wie von den zugehörigen Gärten und Parks. Auch die Parklandschaft, die einst das Potsdamer Stadtschloss umgab, ist eingeebnet und von Nutzbauten des Sozialismus zugestellt. Und dennoch ist das Gartenkunstwerk Potsdams noch immer eine der größten Gartenlandschaften ganz Europas. Natürlich sind die Gärten der Medici in Florenz und die Flusslandschaft der Valois an der Loire kostbare Exempel einer auf die Natur gerichteten Gestaltungssehnsucht; aber nirgendwo ist ein Park solchen Umfangs von mehreren Generationen von Gartenarchitekten gestaltet worden. Unter ihnen sind nur Peter Joseph Lenné und Hermann Fürst Pückler in das allgemeine Bewusstsein getreten.

Die Parkanlagen von Sanssouci, Neuem Palais, Babelsberg und dem Neuen Garten vom Marmorpalais, dem Pfingstberg und Klein-Glienicke sind unbeschädigt durch die misslichen Zeitläufte gekommen. Dieses Erbe Preußens wird von Michael Seiler, dem Gartendirektor, und Klaus von Krosigk, dem Leiter der Gartendenkmäler, mit akribischer Kenntnis und ästhetischem Feingefühl erhalten und rekonstruiert.

Die Berliner, die sich in Kunstausstellungen drängen, nehmen dieses überreiche Erbe geistig aber kaum in Besitz. Seit einigen Jahren erscheint unter dem Namen "Porticus" ein Mitteilungsblatt des Generaldirektors der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Hans-Joachim Giersberg, das inhaltlich wie typografisch herausragend gestaltet ist. Anlässlich der Bundesgartenschau 2001 ist jetzt ein "Porticus"-Sonderheft (für 3 Mark) erschienen, das den Gärten und Parks Berlins und Potsdams gewidmet ist. Es soll dem Besucher deutlich machen, welche Hinterlassenschaft sich in den Zwillingsstädten Berlin und Potsdam befindet. Dieses Heft, dem auch das Gemälde von Franz Michelis aus dem Jahre 1861 der gerade wiederhergestellten Belvedere im Park von Sanssouci entnommen ist, macht in Text und Bild den Reichtum anschaulich, den Berlin zwischen Rheinsberg, Königswusterhausen, dem Marmorpalais und Schloss Lindstedt besitzt.

Michael Seiler steuert einen gedankenreichen Spaziergang durch die Gartengeschichte Europas bei, der die "drei Grundkräfte des Gartenerlebens" aufzählt: "die glückliche Erinnerung, den mächtigen Augenblick und die vorbereitende Erwartung". Seiler bringt dem Leser den geistigen Gehalt dieses Bereichs der Kulturgeschichte nahe, der häufig nur für einen angenehmen Sonntagsausflug nach einem anstrengenden Weg durch die Museen gut genug ist.

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