Kultur : Parlamentswahlen in Serbien: Belgrad im Winter

Caroline Fetscher

Auf dem Hinflug über Zürich kann man sich mit Schokolade eindecken. Echte Schokolade ist ein willkommenes Gastgeschenk im winterlichen Belgrad 2000, eine beliebte softe Droge. Sie hebt die Stimmung. Das, so sagen sie hier, braucht man, um den Winter zu überstehen. So groß die Euphorie im Westen immer noch ist über die jugoslawische "Oktoberrevolution", so gedämpft scheint sie in den Straßen der serbischen Hauptstadt. Auf den Freudenrausch im Oktober folgte der Katzenjammer.

Die Sterberate steige unaufhörlich, meint die Sekretärin Mila Marinkovic, Menschen sterben vor Erschöpfung nach zehn Jahren Angst und Unsicherheit, andere, besonders Kinder, bekämen plötzlich Leukämie: "wegen des Uraniums in den Nato-Bomben". Geschichten wie diese muss man sicherlich cum grano salis lesen. Aber auch in den Rundschreiben der UNMIK im Kosovo steht die Warnung an Mitarbeiter, keine lokalen Lebensmittel zu verzehren, da sie kontaminiert sein könnten. Drei italienische Uno-Soldaten sind, so die Londoner "Times", bereits an Leukämie gestorben. Ob Zufall oder nicht, die Ängste der Bevölkerung vor unsichtbaren Gefahren sind Zeichen für die Angst vor all dem Unsichtbaren, das jetzt ans Licht kommt oder kommen müsste. Vertrauen in "die Herrschenden" gehört nicht zum Erbe des Regimes Milosevic.

"Wir haben die Politiker satt, egal welche", sagt ein Ingenieur, Mittdreißiger, der nicht wählen gehen will. Zwar prophezeien die Umfragen der Koalition von Vojislav Kostunica und Zoran Djindjic einen überwältigenden Wahlsieg. Aber es kann durchaus sein, dass weniger Serben sich an den Urnen einfinden, als viele sich wünschen. Milosevics treue Vasallen werden das zu nutzen wissen und jeden Rentner zur Wahl bewegen, der der Vergangenheit nachhängt. Eine wache Minderheit ist politisch mobil, auf sie muss die neue Führung zählen. Dass Kostunica am Montag eine veritable Pressekonferenz gegeben hat, ist für Belgrad eine kleine Sensation: Wirkliche Fragen zu stellen, ist noch ungewohnt für die hiesigen ExHofberichterstatter.

Die Bevölkerung bereitet sich auf Parties in der Wahlnacht vor - aber vor allem auf die einbrechende Kälte und auf die Rationierung des Stroms. In solchen Situationen zwischen Verzweiflung und Hoffnung behaupten sich Aberglauben und Nostalgie neben all dem Neuen. In den Dutzenden von Buchläden auf der Knez Mihailova, der Hauptstraße von Belgrad, findet man alles über Sternzeichen und Numerologie, über serbische Geschichte und Mythen. Folklore koexistiert einträchtig mit Hightech und HipHop; im Internet-Café Dom Omladnie, einem Hangout für Jugendliche, wo sich früher die Otpor-Aktivisten versammelten, sitzen die Youngster wie Vögel auf dem First vor den Computern - umgeben von Stellwänden, auf denen Ikonen mit Prinz LazarMotiven und kunstgewerbliche Mosaikkacheln mit dem serbischen Doppeladler zum Verkauf hängen.

Im Tanjug-Pressezentrum ist die Bürokratie noch so schwerfällig und absurd wie einst. Zwischen dem Zentrum, der zuständigen Polizeistation und dem Parlament bewegen sich die ausländischen Journalisten stunden- und tagelang, ehe sie ihre Akkreditierung erhalten. Das Fernsehen wiederholt die Sternstunden vom Oktober in Zeitlupe, untermalt von triumphal-traurigen Rockrhythmen und bringt Enthüllungsberichte über die Familie Milosevic, während der Despot unter Polizeischutz eine neue Villa im Edelviertel Dedinje bezogen hat. In den Läden findet man Nike- und Adidas-Schuhe, die einen Monatslohn kosten und die sich nur die bewussten Jungmafiosi leisten können. Andernorts begnügt man sich mit dem Sozialismus-Chic grob gesäumter Stangenware.

Wie ein Ufo steht im Zentrum von Belgrad, eingenebelt von Autoabgasen und dem Dunst der Kälte, ein hohes Chromgestell. Ein silbrig glänzender Uhrturm, der zwischen "Jugoexport"-Shops und Maronenverkäufern wirkt, als habe sich ein Stück westlicher City hierher verirrt. Oben im Gestänge blinken abwechselnd Zeitanzeige und Temperaturangabe. Wir sind mitten in Europa und mitten in Eurer Zukunft, scheint der Turm zu sagen.

Zwei Epochen greifen ineinander, überall. Und auf der Schwelle zwischen beiden wird jetzt gewählt.

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