Parodie und Pathos : Zum 70. Geburtstag der Jazzkomponistin Carla Bley

Als Arrangeurin ihrer Bigband und für Charlie Hadens Music Liberation Orchestra war Carla Bley lange eine Virtuosin im Anrauen allzu geschmeidigen Materials. Bevor sie Ende der siebziger Jahre ihre persönliche Art von easy listening entwickelte.

Gregor Dotzauer
carla bley
In ihrem Element: Carla Bley. -Foto: Fotex

Die Watt World Headquarters sind eine private Strafanstalt für musikalische Verbrecher. Sie liegen, mit hohen Mauern und Stacheldraht gesichert, auf einem nackten, vom Meer umtosten Felsen. So, wie www.wattxtrawatt.com das Innere dieses imaginären Alcatraz en miniature entwirft, beherbergt es aber nur noch zwei Delinquenten. Carla Bley und ihr Lebensgefährte, der Bassist Steve Swallow, hausen in benachbarten Zellen, halten die betriebseigene Plattenfirma am Laufen und geben mit Erlaubnis des Aufsehers manchmal außerhalb Konzerte. Carlas Tochter Karen Mantler, deren Zelle gegenüber besichtigt werden kann, ist vor drei Jahren geflohen. Ihr Vater, der Trompeter und Komponist Michael Mantler, ist vor zehn Jahren aus dem Todestrakt entkommen.

Was immer sich zwischen Kapelle, Cafeteria und Leichenschauhaus abgespielt hat: Es müssen Familiendramen gewesen sein – wenn das zu Carla Bleys trocken-ironischem Wesen auch nur entfernt passen würde. Das heißt: Vielleicht waren es Dramen, doch zumindest in der Darstellung gewinnt sie ihnen eine komische Seite ab. Musikalisch macht sie das kaum anders. Keine sinistre Spannung, die sie nicht zerplatzen ließe, keine noch so liebliche Melodie, der sie nicht gerne in die Parade fahren wollte.

Zumindest als Arrangeurin ihrer Bigband und für Charlie Hadens Music Liberation Orchestra war Carla Bley lange eine Virtuosin im Anrauen allzu geschmeidigen Materials, bevor sie Ende der siebziger Jahre ihre persönliche Art von easy listening entwickelte. Mal programmatisch hintergrundgeeignet wie die „Dinner Music“ (1977), mal wie „Night-Glo“ (1985) ärgerlich fahrstuhltauglich, und dann doch wieder schlicht skurril, mit dem Hang zu einer etwas aus der Mode gekommenen Illusionszerstörung. In ihren stärksten Momenten praktiziert sie einen durchtriebenen Stoizismus, den sie durchhält, bis es wie bei Buster Keaton plötzlich rumpelt, oder nüchtert Tragisches aus wie Samuel Beckett. Nach dessen letztem, auf Englisch geschriebenen Roman nannte sie ihre Plattenfirma Watt, die wiederum ihrem Jazzknast den Namen gab.

Als Carla mit 20 Jahren aus dem kalifornischen Oakland nach New York kam, hatte sie wenig im Gepäck, außer jeder Menge Jazzbegeisterung und ein paar schon vor der Pubertät abgebrochenen Jahren Klavierunterricht, die sie von ihrem Vater, dem Organisten und Pianisten Emil Borg, erhalten hatte. Ihr Geld verdiente sie unter anderem als Zigarettenmädchen im Jazzclub Birdland. Der kanadische Pianist Paul Bley war sofort hin und weg von der lang aufgeschossenen, hageren Schönheit – und sie von der Freiheit, mit der er den Jazz an der Seite von Ornette Coleman und Jimmy Giuffre über feste Formen und Formeln hinausführte. Als Traumpaar der frühen sechziger Jahre bildeten sie auch eine einzigartige künstlerische Gemeinschaft. Was sie komponierte, das spielte er: kurze Themen, die auch in der größten Liedhaftigkeit oft etwas Abstraktes hatten. Motivsprenkel, die seine Improvisationen erst zu wiedererkennbaren Stücken machten. Einige von ihnen, „Vashkar“, „Ictus“ oder „Ida Lupino“, sind Jazzklassiker geworden und begleiten ihn seit fünfzig Jahren – obwohl Carla ihn 1966 für Michael Mantler, mit dem sie bis 1992 zusammenlebte, verließ. Woraufhin Paul sich mit Annette Peacock, der Frau des Bassisten Gary Peacock, einließ, die für ihn noch viel Abstrakteres komponierte.

Carla Bley sagt gerne, dass sie es hasse, öffentlich Klavier zu spielen und ihre Band zu dirigieren. Glücklich sei sie nur zu Hause vor ihrem Notenpapier. Tatsächlich ist sie, die weitgehende Autodidaktin, eine nicht mal durchschnittliche Pianistin, und das Schlaksig-Ungelenke ihres Dirigierstils wird nur durch ihr ungewöhnliches Charisma aufgewogen, dem von Anfang an ihr opulenter Haarschopf zu Hilfe kam.

Für ihre besten Kompositionen, in denen die parodistische Aggressivität von Spike Jones und Frank Zappa ebenso mitschwingt wie das Pathos von Kurt Weill, spielt das keine Rolle. Niemand führt das mit dem Jazz Composers Orchestra eingespielte und 1971 zunächst auf drei LPs veröffentlichte Oratorium „Escalator Over The Hill“ nach Texten des Dichters Paul Haines besser auf als sie.

Vielleicht hat es auch nur niemand gewagt, sich diesen eklektischen Meilenstein aus Rockmusik, Free Jazz und vaudevillehaftem Schmiss noch einmal vorzunehmen. Am Sonntag feiert die nach wie vor unermüdliche Carla Bley ihren 70. Geburtstag.

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