Kultur : Parole Deutschland

Der rote Riese: Jörg Immendorffs Werkschau in der Neuen Nationalgalerie Berlin

Nicola Kuhn

Den Traum haben schon viele Künstler geträumt: die große Ausstellung im Mies van der Rohe-Bau, dem Pantheon der Malerei und zugleich schönsten Showcase Berlins. Jörg Immendorff ist der Wunsch erfüllt worden, eine Genugtuung für ihn. Als einer der wichtigsten deutschen Künstler der Gegenwart, zumindest der politischen, fehlt er in den Regierungsbauten rundum – im Bundestag und Bundeskanzleramt. Einen Katzensprung von den Parteizentralen entfernt residiert er nun mit seinen Bildern und grotesken Politparolen. Der Zeitpunkt für die Ausstellung hätte nicht günstiger gewählt sein können. Programmatisch hängt deshalb am Ausgang des Parcours das riesige Gemälde „Deutschland in Ordnung bringen“ von 1983, auf dem das Chaos tobt.

Auch für Immendorff selbst kommt die Werkschau zur rechten Zeit, anlässlich seines 60. Geburtstages, wie es offiziell heißt. Bei der gestrigen Eröffnung aber wurde weitaus offenherziger bekannt, dass die Retrospektive ursprünglich für 2010 anvisiert war, der Gesundheitszustand des Künstlers dann aber das Projekt beschleunigte. Seit 1998 leidet der Maler unter der unheilbaren Nervenkrankheit ALS, die fortschreitend zur Lähmung der Extremitäten, der Sprech- und Schluckmotorik führt.

Die Präsentation einer Immendorff-Ausstellung birgt immer beides: die Kunst und der offensiv geführte Kampf mit dem Leiden. Und noch ein Drittes spielt mit, wovon heute niemand mehr spricht: das Skandalon, die Kokain-Affäre vom Sommer 2003 in einer Hotelsuite mit einem ganzen Harem Prostituierter. Die Künstlerklischees von Sex & Drugs holten den Maler im Moment größter Schwäche ein, denn damals war das Krankheitsbild den wenigsten bekannt. Gezeichnet von ASL, im Rollstuhl sitzend, das Glas Tee mit Strohhalm muss ihm hingehalten werden, zeigt er sich nun allen Widrigkeiten zum Trotz im gläsernen Schrein der Neuen Nationalgalerie. Was zählt, ist nur noch Kunst.

Zum Triumph wird ihm die feuerrote Installation, mit der er die 2500 Quadratmeter große Halle souverän bespielt. Sechs Pavillons hat sich der Maler bauen lassen, dazu eine große Wand. Eine Kunstdorf mit Teppichwegen ist entstanden, ein LIDL-Stadt in Anlehnung an eine Erfindung aus den Sechzigerjahren, die Immendorff als junger Künstler noch mit Kreide auf Holz skizzierte. Nun, zum Ende seiner Laufbahn, hat das Fantasiegebilde reale Gestalt angenommen. Der Besucher kann die Bilderhäuser betreten, sogar besteigen, um den Ausblick von oben zu genießen. Doch erneut dominiert der Verweis auf die Fiktion, denn Immendorff zitiert mit seinem Ausstellungstitel „Male Lago“ die Westernstadt Lago, in die Clint Eastwood kommt, um den Mord an seinem Bruder zu rächen. Der Filmheld zwingt die Bewohner des Städtchens, ihre Häuser rot zu streichen und sie statt Lago fortan „Hölle“ zu nennen.

Immendorff liebt diese Querverweise. Die Anziehungskraft seiner Gemälde besteht in der beim Betrachter geweckten Lust zur Entschlüsselung, in der Entdeckung prominenter Protagonisten. Und er liebt die kräftige Metaphernsprache. Das Kunstdorf, die Hölle hat in gewisser Hinsicht auch Ähnlichkeit mit dem Blutkreislauf, die Besucher darin gleichen den roten und weißen Blutkörperchen. Der Maler selbst empfindet die gläserne Ausstellungshalle als Aquarium, sich selbst sieht er darin als „Fischlein“, das in den rot bemalten Hütten Proviant zur Fortsetzung seines Weges sucht. Der von der Ausstellung empfangene Energieschub soll, laut Immendorff, nun in neue Bilder umgeleitet werden.

Wie kann einer malen, der krank und kaum bewegungsfähig im Rollstuhl sitzt, lautet die wohl meist gestellte Frage. Die Ausstellung zeigt eine Vielzahl jüngster Bilder, die nicht einmal mehr eine Signatur des Meisters tragen, da er auch nicht schreiben kann. Trotzdem stammen von ihm metergroße Formate, die nach seinen Instruktionen entstanden sind. Aus alten Bildern, aus Dokumentarfotografien früherer Künstleraktionen, aber auch aus berühmten kunsthistorischen Werken lässt er Figurenschablonen extrahieren. Am Computer werden sie nach seinen Anleitungen übereinander geschoben, zu neuen Bildern kombiniert. Assistenten, wie einst in Rubens’ Werkstatt, führen dann an der Staffelei die Arbeit aus. Vor Immendorff hat es der halb gelähmte Matisse mit seinen Papiers coupés ganz ähnlich gemacht.

In diesem Spannungsbogen bewegt sich die Ausstellung: Auf der einen Seite die späten, elegischen Werke, auf denen der Sensenmann, das Motiv des Totentanz immer wiederkehrt. Zwischen den schemenhaft eingefügten Figuren dehnt sich gerasterter, schraffierter Raum. Im Vergleich zu den früheren Werken erlauben sie sich die neuen Bilder eine regelrechte Leere, die ihnen jedoch nicht bekommt. Auf der anderen Seite stehen die bühnenhaft inszenierten Bilder, die ihren Höhepunkt in der Serie „Café Deutschland“ der Jahre 1977 bis 1983 haben. Darauf tummeln sich unzählige Akteure, die holzschnittartig die Lage des geteilten Landes demonstrieren. Allenthalben befinden sich DDR-Grenzposten, Hakenkreuze, Hammer, Sichel. Machtlos halten Immendorff und Penck, sein Dresdner Malerfreund, durch einen Tisch voneinander getrennt, den Pinsel in der Hand.

„Man muss so gut sein, dass es keine große Mühe macht, hässliche Bilder zu malen. Die Hässlichkeit der Bilder ist eine Schutzvorkehrung, damit man nicht zu gemütlich wird,“ hat der Künstler damals erklärt. In der Rückschau werden seine Gemälde keineswegs schöner, doch sie strotzen mehr denn je vor Vitalität, vor Widerständigkeit gegen die allgemein hingenommene Teilung Deutschlands. Die Wiederentdeckung seines Achtzigerjahre-Werks im Zuge des allgemeinen Malereibooms verwundert nicht. Seine späteren Selbstbefragungen, seine metaphorischen Irrungen im Bilderwald, wo der Maler mit Zündholz einen Weg zu finden sucht, haben ihren späten Niederschlag in den Gemälden etwa eines Daniel Richter.

Die eigentliche Entdeckung in dieser Ausstellung dürfte aber das Frühwerk Immendorffs sein, als er die LIDL-Stadt erfand. Damals opponierte er mit parodistischen Künstleraktionen gegen den Geist der Adenauerzeit. In bester Agitprop-Manier malte er „Kollege Müller mit Familie am 1. Mai 72“, Anti-Vietnamkriegsbilder von Demonstrationen in Köln, Dortmund, Hamburg, Frankfurt oder forderte den Betrachter auf „Diese Fragen an den Künstler richten, auf Antwort bestehen“. Der damals stramme Maoist sah seine Aufgabe an der Basis und unterrichtete als Kunstlehrer noch bis 1980 an einer Düsseldorfer Hauptschule. Aus dieser Zeit stammen auch seine Schülerporträts. „Ich glaube zwar, dass Herr Immendorff ein sehr guter Kunstlehrer ist, aber auf dem Bild hat er mich nicht gut getroffen,“ ist in klassischer Selbstkritik daneben protokolliert. Diese Kommentare, die überraschen in der Neuen Nationalgalerie, verraten noch etwas: Immendorff, der Malerfürst und Maoist von einst, mag es es zwar plakativ, aber mit Humor.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, bis. 22.Januar; Katalog 40 €.

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