Kultur : Parolen der Poesie

WETTBEWERB Rafi Pitts’„Zemestan“ aus Iran

Jan Schulz-Ojala

Man könnte das eine Geschichte nennen. Ein Mann verlässt Frau und Tochter, um im Ausland Arbeit zu finden. Ein anderer lernt die Frau kennen, deren Mann nach einigen Monaten für tot erklärt wird, heiratet sie, verliert seine Arbeit – und verlässt Frau und (angeheiratete) Tochter, um im Ausland Arbeit zu finden. Auch wenn das, was der Iraner Rafi Pitts in „Zemestan“ in berückende Bilder fasst, etwas anders ausgeht: ein Kreislauf. Ein Depressionskreislauf. Der Blick in eine Zentrifuge, in der wie in Zeitlupe ein gewaltiger Auswanderungsstrudel tobt.

Eine Geschichte aber will der 38-jährige Regisseur mit seinen einprägsam ausgewählten Laiendarstellern gar nicht entwickeln. Vielmehr verknüpft er einen vor Jahrzehnten veröffentlichten Roman (von Mahmoud Dowlatabadi) und ein Gedicht (von Mehdi Akhavan Saless) zu einer motivischen Meditation – über Einsamkeit, Not, Fluchtträume und Resignation. Die Kamera (immer klug platziert von Mohammad Davoodi) steht starr: an Bahngleisen, vor einem einsam gelegenen Betonhäuschen, in Autowerkstätten und Stoffmanufakturen – und beobachtet die klaglosen Alltagsunglücksfiguren bei ihren Verrichtungen, als atmete sie mit nicht enden wollender Geduld immerselbe Elemente der Hoffnungslosigkeit ein. Nur: Erzählt wird nicht.

„Zemestan“ ist – mit sehr männlichem Blick – die Elegie auf ein Land, in dem einen nichts mehr zum Bleiben auffordert, nicht mal die Liebe. Ein Film, irgendwann selber gänzlich erfasst von der Trostlosigkeit, die er ausstellt: ein Flugblatt mit Parolen der Poesie, vom Winterwinde verweht.

Wenn Exil-Iraner (siehe Meldung S. 27) nun den Berlinale-Filmen aus ihrer Heimat eine unkritische Haltung, ja indirekt fast Kollaboration mit dem Regime vorwerfen, dann können sie damit „Zemestan“ nicht ernstlich meinen; eher verstört eine gewisse Manier lakonischer Kunstfertigkeit, mit der das iranische Kino auf Festivals seit Jahrzehnten stereotyp punktet. Ganz abseits von politisch virulenten Missverständnissen oder gar Ideologie: Ein bisschen müde darf man da schon mal sein.

Heute 15 und 21 Uhr (Urania)

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